Miriam Schäfer

Hast Du den Mond gesehen

Hast Du den Mond gesehen, heut Nacht?
Der Wind drückt gegen die Fenster, die Bäume beugen sich ihm. Wolken peitschen über den dunklen Himmel, fliegen vorbei an ihm, dem Mond, der mir ihre Schatten aufs Gesicht wirft. Groß und hell und leuchtend und klar. Nicht voll, nur beinahe. Magisch, seine Anziehungskraft. Ewig könnte ich da stehen und ihn betrachten.

Sie sind selten, diese Momente, doch für sie lebe ich. Die wenige Schönheit zu sehen, die noch übrig ist. Gibt es niemanden, der sie sonst zu sehen vermag?
Bin ich die einzige, die zusieht, wie das Rad der Zeit sich dreht, hilflos zusieht, dasteht und es nicht wagt, die Hand in die Speichen zu strecken, um es aufzuhalten?
Bin ich die einzige, die den anderen noch in die Augen sieht? Die einzige, die Herz und Seele darin erkennt? Die einzige..?
Gibt es niemanden mehr? Schreite ich durch verlassene Straßen, leere Räume, begegne nur dem Nichts? Dem Nichts in ihren Augen?
Wo ist er?
Er, der ihn gesehen hat, den Mond heut Nacht?
Verlassen und einsam ihr Herz und das der Alten. Auch meines? Zu jung um alleine zu sein, zu jung um allein zu bleiben, allein auf weiter Flur. Doch zu alt, es Bäumen und Wolken gleichzutun und sich dem Wind zu beugen. Zu alt um weiterzufliegen, zu vergessen, Eindrücke nicht aufzunehmen… Wo gehöre ich hin? Gehöre ich hierher? Wenn ja, warum ist nichts da? Nichts? Niemand?
Hast Du den Mond gesehen, heut nacht?
Du hast ihn gesehen? Was sahest Du noch? Den Mond? Nicht mehr? Nicht Liebe, nicht Tod, nicht Hoffnung und Leben? Nicht Glück und Schmerz und Mut, nicht Schicksal? Hast Du geträumt? Oder war ich diejenige? Sie standen doch da und blickten hinab. Im Schatten des Mondes. Hast Du ihr warmes Lächeln nicht gesehen? Das Versprechen in ihren Augen?
Nein, natürlich hast Du nicht gesehen… Niemand sieht mehr…
Niemand…
Wo ist er, der Fixpunkt? So fix wie der Mond, sich wandelnd, mit vielen Gesichtern, mein Leben beeinflussend, immer da, auch wenn ich ihn nicht sehen kann, einzigartig. So fix wie der Mond. Mich faszinierend, magisch in der Anziehungskraft, leuchtend und klar. Mit Schatten und Licht, der jeden Schmerz lohnenswert macht und mir das Glück zurückzugeben vermag. Der, der mir den Mut gibt, die Zeit anzuhalten.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut“
Schließe die Augen.
Hast Du ihn gesehen, den Mond heut Nacht?

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