Traum

„Wo sind wir?“
„Das ist mein altes Kinderzimmer.“, höre ich meine eigene Stimme krächzen.
„Surreal.“, sagt Martin.
Ich nicke und weiß gleichzeitig, dass er es nicht sehen kann. Denn Martin starrt wie ich mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Um das zu wissen brauche ich mich ihm nicht zuzuwenden. Vermutlich weiß auch er um mein stummes Nicken.

Die Bezeichnung „Surreal“ trifft diesen Moment zu einhundertzehn Prozent.

Martin, mein Kollege aus dem Krankenhaus, und ich sitzen in unserer Arbeitskleidung, den blauen Arztklamotten, Schulter an Schuler auf meinem alten Bett, in meinem alten Kinderzimmer. An der Wand klebt übertrieben bunte Tapete, bedeckt mit den Postern meines Teenie-Schwarms. Ein Kleiderschrank übersäht mit bunten Aufklebern steht in einer Ecke, Stofftiere, getragene Kleidung und zerlesene BRAVO-Zeitschriften liegen auf dem Teppich verstreut. Ich weiß all das, ohne es angesehen zu haben. Dies ist mein Kinderzimmer, so wie es vor etwa 25 Jahren ausgesehen hat. Und hier sitze ich mit Martin und starre unentwegt aus dem Fenster.

„Wo ist Simon?“ fragt Martin.
Meine Stimme ist kaum ein Flüstern als ich antworte. „Ich weiß es nicht.“
Angst schnürt mir die Kehle zu, raubt mir den Atem.

Simon.
Ich weiß sonst immer, wo Simon ist.
Seit wir uns damals in der allerersten Vorlesung begegnet sind, seitdem sind wir unzertrennlich. Wir gehören zusammen. Es gibt keine Fragen, keine Eifersucht, keine Unsicherheiten. Simon und ich gehören zusammen. Punkt. Seit unserer ersten Begegnung hat niemand daran gezweifelt. Simon und Stella. Stella und Simon.
Doch heute weiß ich nicht wo er ist.
Ausgerechnet heute.
An diesem surrealen Tag, an dem ich mit Martin in meinem Kinderzimmer sitze, und aus dem Fenster starre.

Wir können weit sehen, Martin und ich. Erst über ein Feld, dann über einen Wald, dahinter erstreckt sich eine Stadt bis in den Horizont. Der Himmel ist rot, die Luft diesig. Vielleicht ist auch die Luft selbst rot, doch trotz der Trübe, behindert nichts unsere Sicht. Wolkenberge wie ich sie niemals zuvor gesehen habe, türmen sich geballt und bedrohlich in den unendlichen Raum.
Trotz der Weite unseres Ausblicks erscheint mir heute alles ganz nah, wie bei einem drohenden Gewitter, wenn sich jeder Umriss klar gegen das Wetter abzeichnet. Aber heute ist nichts klar. Alles ist rot.
Ich versuche an Sandstürme in der Wüste zu denken, doch der Geruch, der schwer in der Luft liegt und den ich selbst durch die geschlossenen Fenster wahrnehmen kann, ist mir zu vertraut.
Blut.

Doch nicht mein Zimmer, nicht der Himmel und nicht seine Farbe sind das Sonderbarste an diesem Tag.
In scheinbar unregelmäßigen Abständen ragen riesenhafte weiße Iglus mit schwarzen, schräg stehenden Schornsteinen aus der Szene. Flaktürme, weiß ich.
„Wie in Star Wars.“ sagt Martin, als habe er meine Gedanken erraten. Wieder nicke ich ungesehen.

Als wäre mit Martins Worten eine unsichtbare Regieklappe gefallen kommt Bewegung ins Bild und es wird laut. Die Erde bebt unter dem Dröhnen fremdartiger Maschinen, so stark, dass sich die Vibration auf mich überträgt und ich meine Zähne leicht aneinander schlagen spüre. Urplötzlich überkommt mich das Bild zweier Personen, die dort drüben in der Stadt an einem Fenster stehen und in unsere Richtung hinüberblicken, und erst jetzt weiß ich, erst jetzt begreife ich, dass auch um uns herum, um mein Elternhaus, mein altes Kinderzimmer herum, diese Iglu-Ungetüme positioniert sind.
Ich presse die Kiefer aufeinander und das Klappern meiner Zähne verstummt.

Das Iglu, auf dem mein Blick schon seit einer ganzen Weile unbeweglich ruht erwacht mit einem Mal zum Leben. Es schwenkt sein Geschütz, ich glaube das surrende Geräusch zu hören – vermutlich höre ich es sogar, vielleicht von einem Turm ganz in unserer Nähe? – welches diese Bewegung begleitet, und grelle gelbe Lichtkugeln schwirren in den roten Himmel, verschwinden mit trügerischer Harmlosigkeit in den weichen Rundungen der aufgewallten Wolkenmassen, als wollten sie uns ein Feuerwerk präsentieren.

Ich erstarre.
Wirklich wie Star Wars, denke ich.
„Es geht los.“, flüstere ich.
Martin nimmt meine Hand. „Ich habe Angst.“, sagt er.

Ich glaube, wer Martin kennt und von ihm diesen Satz hört, rennt, wenn er kann.
Ich kann es nicht. Ich bin wie zu Eis erstarrt.
Wenn jemand wie Martin Angst hat, dann gibt es vermutlich auch allen Grund dazu.
Martin, benannt nach Martin Luther King, ist 40 und ein erfolgreicher Kinderarzt, der leider vor einigen Jahren Frau und Kind verloren hat. Er ist stark. In jeder Hinsicht. Ich weiß, er trauert, aber er ist stark. Gegen seinen seelischen Stress betreibt er Bodybuilding, wenn er Zeit dazu findet. Also des Nachts, wenn er am Tage Dienst hat, und tagsüber, wenn er Nachschicht hat. Martin ist ein Schrank. Martin lebt für seine Arbeit und geht auf im Sport.
Und dieser Riese, der das Schlimmste, was man sich vorstellen kann bereits durchgemacht hat, sitzt neben mir in meinem Kinderzimmer, hält meine Hand und hat Angst.

Und ich weiß nicht wo Simon ist.

Die anderen Geschütztürme folgen dem Beispiel des Ersten.
Der Himmel ist übersäht von den leuchtenden Geschossen. In meinen Ohren dröhnt und surrt es.
Detonationen.
Explosionen.
Ich kann mich nicht rühren.
Krieg, denke ich, und habe eine Scheiss-Angst.

Aber uns passiert nichts, wir sitzen ja hier, in meinem Kinderzimmer. Ja, das muss es sein! Martin und ich befinden uns in einer ganz anderen Zeit, dies ist ein Blick in eine andere Welt, eine Zukunft! Wir sind gar nicht wirklich hier. Oder das was wir sehen ist nicht wirklich, etwas in der Art muss es sein.

Ein Turm erhebt sich. Ich weiß, seine Maschinerie brummt, die Gelenke quietschen, Lüfter surren. Aber ich kann nichts dergleichen vernehmen, in meinen Ohren hallt das Krachen und Splittern der Explosionen nach, füllt meine Wahrnehmung aus.
Doch das, was einmal das Iglu gewesen ist wird größer, transformiert sich. Es bekommt zwei Beine, verwandelt sich in einen riesigen Mech. Zweifelsohne: Star Wars!
Das Ding kommt in unsere Richtung.
Ich wünsche mir eine Stop-Taste.

Noch vor Minuten dachte ich, es sei unmöglich, sich mehr zu fürchten als in diesem Moment, aber ich habe mehr Angst als zuvor.

Das Ding kommt nicht nur in unsere Richtung es kommt GENAU auf uns zu. Und zwar schneller als man ahnen konnte. Es macht riesige Schritte, Häuser brechen unter seinen Metallfüßen ein. Bäume zerknicken, nichts hält stand. Ich kann mich noch immer nicht rühren.
Mein Verstand spielt mir Theater vor, versucht mir einzureden, das Ding könne uns nichts anhaben.

Dann geht alles sehr schnell.
Mein Gedanke ist, es kommt wirklich HIER her, da haben wir schon kein Dach mehr über dem Kopf. Ich warte auf das Anschwellen des Lärms, doch stattdessen ist alles plötzlich ganz still. Ich bin nicht taub, ich kann den Wind durch mein Kinderzimmer pfeifen hören.
Ansonsten ist es still.
Der Mech bewegt sich nicht mehr, er steht genau über uns.

„Got her!“ höre ich. Ein Schuss fällt.

Das letzte was ich sehe, ist mein Gesicht mit einem roten Punkt auf der Stirn, das sich in Martins nassen Augen spiegelt, als er sich zu meinem Leichnam herunter beugt.

„Knospen!“, sagt Simon.
Simon ist da.
„Du sammelst die Gelben, ich die Blauen, Minkai die Roten.“
„Simon?“
„Du sammelst die Gelben!“

Ich reibe meine Augen. Simon ist da. Aber wo ist „da“?
Wir befinden uns in einem verwunschenen Wäldchen, der Boden ist mit knospenden Blüten bedeckt, die jedoch nicht aus dem Boden sprießen, sondern herumliegen, als seien sie verstreut worden.

Gut, sammle ich die Gelben, denke ich, als wäre dies nicht außergewöhnlich.

Wir tragen unsere Arbeitskleidung, Minkai, Simon und ich. Simon sieht ein bisschen zerknittert aus, sein Haar ist zerwuschelt, als wäre er gerade erst aufgestanden.
Minkai ist schwer zu erkennen. Unscharf. Meine Augen beginnen zu schmerzen, während ich sie ansehe.
Ich betrachte stattdessen Simon.
„Wo ist Deine Narbe?“, frage ich ihn.
Simon hat eine kleine Narbe an der linken Augenbraue. Ich habe ihn am Tag unseres Kennenlernens mit einer Tür erwischt.
Simon lächelt mich nur versonnen an.
Ich wende mich an Minkai.
„Narbe? Simon hatte nie eine Narbe.“ antwortet sie mir verwundert.
Ich verstehe nicht.
Andere Zeit, hallt es in meinen Gedanken.

Ich sammle die gelben Knospen und beobachte mich selbst dabei, wie aus weiter Ferne. Ich verstehe nicht, was ich da tue, aber führe es aus, als sei alles ganz normal.
Als ich alle gelben Knospen gesammelt habe und nicht weiß, warum ich sicher bin, dass es wirklich alle waren, frage ich Simon, was ich damit machen soll.

„Gib sie IHM.“, sagt er.
ER.
ER ist also wirklich da.
Wir hatten IHN in die Neuro geschickt. Gestern. Ein bisschen Schizo, hatte Minkai vermutet. Niemand hat widersprochen.

ER ist da, ich fühle es. Ich habe Angst, so wie ich sie in seinem Zimmer gehabt habe, so wie sie auch in meinem Zimmer gehabt habe.
„Wo ist Martin?“, frage ich.
„Er wird auch kommen.“, sagt eine Stimme.
Mich überläuft es eiskalt.

ER nimmt meine gelben Knospen, weist mich an ihm zu folgen.
ER kippt sie in einen riesigen Kessel.
Ich blicke hinein und es ist, als blicke ich aus den Wolken hinab auf die Erde. Ich sehe die Knospen fallen, sehe, wie sie den Erdboden berühren, wie sie aufgehen und wie jede einzelne zu einer tödlichen Dornenranke wird, die den Menschen hinterher jagt, sie einfängt, aufspießt, tötet und durch das Blut ihrer Opfer unaufhaltsam weiter wächst.
Ich will mich abwenden, doch ER befiehlt mir zuzusehen.
Ich schließe meine Augen und sehe doch noch immer.

Was Simons und Minkais Knospen anrichten weiß ich nicht. Beide sind ebenfalls über einen Kessel gebeugt.

Später sitzen wir im Nichts.
Es ist noch immer dieser Wald, aber er hat seine verwunschene Unschuld verloren. Es ist kalt, es ist einsam hier.

Wie ein Kind legt Simon seinen Kopf an meine Schulter. Er summt vor sich hin. Seine Hände spielen mit einem großen roten Kassettenrekorder.
„Ich weiß, wofür diese Taste ist!“ sagt er wie zu sich. Seine Hände bemühen sich sie zu drücken, schaffen es jedoch nicht.

Wieder erschauere ich.
Simon.
Ich kenne niemanden mit so einem analytischen und präzisen Verstand wie Simon. Doch Simon sitzt neben mir wie ein kleines Kind.
Aber er ist da.
Sein Kopf ruht an meiner Schulter, seine Wärme kann ich fühlen und trotzdem ist es einsam hier.

Minkai sitzt ein wenig abseits und hält einen Spiegel. Ich kann sie noch immer nicht richtig erkennen. Minkai. Die hübscheste Frau, die ich mir vorstellen kann.
Sie berührt den Spiegel.
Ich kann sie nicht erkennen.

Plötzlich weiß ich, wäre Martin hier, er hätte vermutlich nicht einmal mehr eine dieser Knospen heben können.

Und ich frage mich, was ist es, was ich verloren habe?
Simon ist doch da? Was habe ich verloren?
Ich fühle die Berührung seiner Hand, als er mit meinen Fingern spielt. Doch es ist einsam hier.
Was nur?



Ein Kommentar zu “Traum”

  1. abraxandria
    November 11th, 2009 21:01
    1

    Mensch, ich träum auch ganz oft von meinem Jugendzimmer!
    Krass!
    Jetzt, wo Du das sagst…

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