Tekken – Das Böse in Dir / Pt.4

Was zuvor geschah…

Kapitel II
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Jin war ratlos, als er, flankiert von Nina und Yoshimitsu, vor einem weitläufigen Käfig mit vor Spannung flirrenden Gitterstäben stand. Er wusste weder, warum Nina ihn hierher geführt hatte, noch was das für ein Wesen war, das dort, ähnlich einer toten jungen Frau, aber gespenstisch schimmernd, am Boden lag, bewacht von diesem unheimlichen geisterhaften Wolf, dessen Anblick ihn erschaudern ließ.
Eine ganze Weile standen die drei Besucher einfach da und sprachen kein Wort.
Dann nahm das riesenhafte Tier Witterung auf. Schwerfällig hob es den Kopf, seine Nüstern weiteten sich, als es genüsslich die Luft einsog. Gelbe, bösartige Augen richteten ihren bohrenden Blick in einer fließenden Bewegung direkt auf Jin. Und in Sekundenbruchteilen erkannte er den Teil des Wolfes, der auch ihm innewohnte: Devil.

Sie erkannten einander, und im gleichen Moment strafften sich die Muskeln des Wolfes, er stand auf und kam langsam auf Jin zu, ohne die gierigen Augen von ihm zu nehmen. Speichel troff von seinen Lefzen, und Jin glaubte, den unangenehm warmen Atem des Geistertieres schon auf seiner Haut spüren zu können. Gleichzeitig war er sich jedoch nicht mehr im Klaren, ob es dies tatsächlich selbst wahrnahm, oder ob Devil bereits seine Sinne kontrollierte.
Er vermied es, Nina oder Yoshimitsu anzusehen, wollte in keinem ihrer Gesichter erkennen müssen, dass das Böse in ihm erwachte. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, hinter seinen Schläfen pulsierte es und doch gelang es ihm, dem hungrigen Blick des Wolfes standzuhalten, nicht nachzugeben. Er war der Stärkere! Es musste so sein! Das da war nur ein Tier!
Er kämpfte mit der Angst vor dem, was passieren mochte, wenn in ihnen beiden die bösartigen Kräfte herausbrechen würden, und mit der anderen Seite in sich. Und als er bereits sicher war, Devil nichts mehr entgegensetzen zu können, stand, wie aus dem Nichts, die Frau, die zuvor am Boden gelegen hatte, neben dem Wolf und legte ihre Hand an dessen Nacken, als trüge dieser dort ein Halsband, wie es bei Schoßhunden üblich ist.
Jin spürte, wie Nina neben ihm zurückwich, aber so ungewöhnlich diese Szene auch war, für ihn verlor die Situation augenblicklich ihren Schrecken. Er machte intuitiv einen Schritt auf den Käfig zu, streckte seine Hand aus und war kurz davor, die Gitterstäbe zu berühren, als Yoshimitsu seinen Arm packte und ihn zurückhielt.
„Du erkennst sie auch, nicht wahr?“, fragte der Ninja leise.
Jin nickte tonlos. Gleichzeitig fühlte er, wie Devil in ihm zur Ruhe gezwungen wurde. Ein warmes, friedliches Gefühl breitete sich in seinem Innern aus und er konnte seinen Blick nicht von den Augen der Frau lösen, die ihn gleichermaßen sanft und wild, überlegen und entkräftet, aber vor allem voller Furcht ansahen.
Jun.
Seine Mutter war am Leben.
Ehe er Gelegenheit hatte, diese Nachricht zu verdauen, flackerten Juns Lider und ihre Knie knickten ein, sie brach gleich neben dem Untier zusammen. Jin zuckte reflexartig nach vorn, um sie aufzufangen, aber Yoshimitsu bewahrte ihn erneut vor einem Kontakt mit dem Käfig. Jun schlug hart auf dem Beton auf und blieb so reglos liegen, wie Jin sie beim Betreten des Labors erspäht hatte. Leidvoll ging er in die Hocke und betrachtete ihr feines Gesicht, das von diesem merkwürdigen Glanz überzogen war, aus sicherem Abstand. Denn jetzt, von Juns unsichtbaren Fesseln befreit, tobte das Wolfswesen im Käfiginnern. Es bleckte die Zähne, sprang gegen die geladenen Gitterstäbe, und versuchte, irrational vor Wut, in seine Gefängnismauern zu beißen. Ungezügelt, nur geleitet von seinem Fluchtinstinkt, fügte der Wolf sich tiefe Wunden zu, bald schon troff ihm das Blut aus dem Maul. Juns erschlaffte Züge zuckten unter jedem weiteren seiner Stürme gegen das Gitter.
„So tun Sie doch was!“, rief Jin dem Doktor zu, der das Geschehen seit Jins Ankunft im Labor von einem seiner Kontrollpulte aus beobachtete.
Was soll ich denn ihrer Meinung nach tun, Kazama-Sama?“, fragte Boskonovich mit seiner schnarrenden Stimme.
„Ich…“, Jin zögerte. „Ich weiß es doch auch nicht. Halten sie das Vieh auf! Was, wenn es sie anfällt?“
„Dummer Junge!“, lachte der Doktor. „Hast du nicht begriffen? Sie sind eins! Sieh sie dir beide doch einmal genauer an!“
Der Wissenschaftler humpelte kopfschüttelnd einige Stufen zu ihnen hinab, augenscheinlich fassungslos in Anbetracht derartiger Dummheit. Er packte Jin am Arm und zwang ihn erstaunlich kraftvoll einen Schritt nach vorn, so dicht vor die Gitterstäbe, dass Jin glaubte, die fließende Elektrizität kitzele ihn an der Nase.
Auf der anderen Seite warf sich der Wolf fortwährend gegen das Gitter, biss, knurrte, versuchte, durch die Stäbe hindurch, mit den Pfoten nach ihnen zu schlagen und machte nicht den Anschein, nachgeben zu wollen.
Doch Jin, der nur Augen für das Wesen hatte, welches mit Sicherheit seine Mutter gewesen war, erkannte, was der Doktor meinte: Von der gleichen schimmernden Konsistenz, dieser manifestierten Geisterhaftigkeit, aus der sie und der Wolf zu bestehen schienen, liefen seltsame, durchscheinende Fäden fort von dem Tier und verbanden es mit dem menschlichen Körper am Boden. Ihm wurde bewusst, dass diese Fäden beide Wesen gleichermaßen umhüllten und wie Adern durchdrangen. Am meisten jedoch erschreckte ihn, das Blut zu sehen, welches als dünnes Rinnsaal aus Juns reglosen Mundwinkeln heraus rann. Ihr Gesicht bebte unter jedem Angriff des Wolfes gegen die Gitterstäbe. Sie teilten den Schmerz.
Ihm lief ein Schauer über den Rücken.
Mit einem Mal fühlte er sich wieder klein. So klein wie an dem Tag, als er seine Mutter mit Ogre hatte kämpfen sehen, so hilflos, wie in dem Moment, in dem er festgestellt hatte, dass er ihr nicht helfen konnte und ihm nichts weiter übrig blieb, als zu seinem Großvater zu fliehen, wie Jun ihm befohlen hatte, und so allein, wie dann, später, als Heihachi ihm mitgeteilt hatte, dass von seiner Mutter keine Spur mehr zu finden gewesen war.
Mühsam unterdrückte er den erneuten Impuls, sich an die Gitterstäbe zu lehnen und nach Jun zu greifen, die dort, keinen Meter von ihm entfernt, lag. Nina berührte ihn an dir Schulter, doch Jin schüttelte sie ab.
„Was ist mit ihr passiert?“, fragte er. Seine Stimme war nicht so fest, wie er gehofft hatte.
„Das wissen wir nicht, Kazama-Sama. Nicht mit Bestimmtheit.“
„Und was nehmen Sie an, ist passiert?“ Es war grauenhaft, wie man einigen Leuten alles aus der Nase ziehen musste.
„Nun…“, der Doktor zögerte und wog seinen Kopf hin und her. „Sie wissen um… ‚es’, nicht wahr?“
Was für eine selten dämliche Frage, fand Jin und hob ungläubig eine Augenbraue. Boskonovich wusste ebenso wie Heihachi, dass Jin das Devil-Gen seines Vater Kazuya geerbt hatte. Während der Zeit, in der der Wissenschaftler nicht ganz freiwillig für seinen Großvater gearbeitet hatte, war Jin mehrfach daraufhin von ihm untersucht worden. Und da Yoshimitsu und Nina bereits damals im Labor ein- und auszugehen schienen, wie es ihnen passte, nahm Jin an, auch vor diesen beiden kein wohlbehütetes Geheimnis schützen zu müssen.
„Gut, gut. Ich wollte mich lediglich vergewissern. Es scheint, als sei sie“, der alte Mann deutete auf Jun, „mit dem Gen in Berührung gekommen. Vermutlich durch Ogre, entweder als dieser sie tötete oder beim Versuch, ihre Seele zu absorbieren, genaues ist uns selbstverständlich nicht bekannt. Yoshimitsu entdeckte sie vor kurzer Zeit in den Wäldern und…“, er zögerte, „brachte sie hierher.“
„Und?“
„Sie brachte zwei meiner Mitarbeiter binnen eines Wimpernschlages um.“
Jin runzelte die Stirn. „Der Wolf oder meine Mutter?“
„Sie.“, antwortete der Doktor. „Aber ob sie in diesem Moment Ihre Mutter war, das kann ich nicht mit Bestimmtheit bejahen.“
„Was soll das heißen?“
„Das sollten sie als Träger des Gens doch am besten wissen!“ Doktor Boskonovich schaute argwöhnisch drein, als zweifelte er an Jins Verstand.
„Aber sie kann nicht… Der Wolf trägt das Gen, nicht sie!“, beharrte Jin.
„Sie sind eins“, wiederholte der Wissenschaftler monoton.
„Sieh mal“, mischte sich Yoshimitsu ein, „deine Mutter und dieses Wesen… ich kann es dir auch nicht erklären, aber Doktor Boskonovich hat Recht: Sie sind eins und sie sind es nicht. Sie sind miteinander verbunden, wie du richtig erkannt hast, aber ihre Seelen sind voneinander getrennt und streiten von Zeit zu Zeit um die Herrschaft. Laienhaft ausgedrückt.“
„Ich verstehe nicht…“ Jin blickte in den Käfig. „Ist sie nun meine Mutter oder nicht?“
„Ja und nein, mein Junge.“ Der Doktor klopfte ihm auf die Schulter und bedeutete allen dreien, vom Käfig mit dem noch immer tobenden Geschöpf zurückzutreten.
Schüsse fielen und Jin riss den Kopf herum. „Nein!“ Er blickte in den Käfig zurück.
Der Wolf heulte auf, wand sich, sprang einige unkontrollierte Sätze hin und her, dann torkelte er gegen die Gitterstäbe und sank, von einem weiteren Stromschlag getroffen, winselnd und leicht zuckend zusammen.
„Auf diese Weise verletzt er sie beide nicht unnötig“, erklärte Boskonovich ungerührt und führte Jin, Nina und Yoshimitsu zu seinem Kontrollpult, wo er sich auf seinen Stuhl sinken ließ.
Widerwillig und mit einem weiteren Blick zurück auf den sich windenden Wolf, setzt Jin sich auf einen Klappstuhl gleich neben den Doktor. Nina schwang sich unter missbilligendem Blick des Wissenschaftlers auf das Pult und Yoshimitsu lehnte sich an eine Säule. Einen Augenblick schwiegen sie alle, dann fragte Jin: „Wie lange ist sie schon hier?“
„Bald sechs Monate“, antwortete Nina.
„Und du hast mir nichts gesagt?“ Jin sprang auf.
„Was hätte ich sagen sollen, Jin? Hättest du mir geglaubt? Hättest du es verstanden? Du verstehst es doch nicht einmal jetzt, wo du sie mit eigenen Augen siehst! Und selbst der Doktor kann nicht erklären, was hier passiert ist. Was also, hätte ich dir sagen sollen?“ Sie warf ihr blondes Haar zurück und stemmte die Fäuste gegen ihre Hüfte.
„Du hättest es mir trotzdem sagen müssen, immerhin arbeitest du für mich!“
„Ich arbeite für deinen Großvater, Bürschchen, und wenn der wüsste, wo du gerade steckst, nun… ich würde ihm an Deiner Stelle jedenfalls nichts davon erzählen“, entgegnete sie leichthin.
Jin schwieg, die Stirn in tiefe Falten gelegt, den Blick auf die beiden reglosen Umrisse im Käfig gerichtet.
„Sie kam also irgendwann irgendwie mit dem Devil-Gen in Berührung“, sagte er nach einer Pause. „Aber ich trage das Gen auch, ebenso mein Vater, und aus uns ist nicht… so etwas geworden.“
„Was genau geschehen ist, weiß wohl niemand außer Jun selbst. Wenn sie es überhaupt weiß. Aber sagen kann sie es uns nicht. Wir vermuten, dass es sich hier um eine Mutation handelt, hervorgerufen durch das Gen und den Wolf.“
„Der Wolf ist also echt?“ Jin war erstaunt. Seit er Devil in den Augen des Wesens erkannt hatte, hielt er diesen für den Kern des Problems.
„So scheint es.“
„Ich verstehe immer weniger.“
Der Doktor lachte. „Du vergisst, dass deine Mutter durch Ogre starb.“
„Ist das sicher?“, fragte Jin. „In anbetracht dessen hier… vielleicht hat sie doch überlebt, ich meine, es… sie lebt doch, oder…?“
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, Jun hätte Ogre dann weiterziehen und weitermorden lassen oder wäre nicht zu Dir zurückgekehrt?“, mischte sich das Manji-Oberhaupt ein. „Denk doch mal nach!“
„Ja, aber…“
„Nichts aber!“, sagte der Doktor entschieden. „Das ist ein wichtiger Teil des Problems, wenn nicht gar des Rätsels Lösung! Kazama-Sama, was wissen sie über Angel?“
„Nichts“, antwortete Jin und zuckte mit den Achseln. „Abgesehen davon, dass man annimmt, dass sie…, dass Jun davon berührt ist.“
Der Doktor nickte eifrig. „In der Tat, in der Tat! Und wenn wir jetzt davon ausgehen, dass Ogre, der, wie wir wissen, die Seelen und die Kraft seiner Opfer absorbiert, auch das Devil-Gen trug, Jun tötete und ihre Seele gewissermaßen „Angel-verseucht“ vorfand, was würde man annehmen, hätte er dann getan?“
„Nun…“, Jin überlegte. „Ich… nehme an, er würde sich entweder enorm über seinen Sieg freuen oder aber, wenn man bedenkt, dass Jun Kazuya mehrfach in seine Schranken verweisen konnte, nun, machen, dass er weg kommt und Angel Angel sein lassen?“
„Guter Junge!“ Boskonovich nickte anerkennend und fummelte aufgeregt am Bügel seiner Brille. „Genau das haben wir auch angenommen. Entweder, er wollte mit einer von Angel berührten Seele nichts zu schaffen haben oder konnte sie ihrer Reinheit wegen gar nicht aufnehmen! Wirklich gut, mein Junge!“
Jin war es beinahe peinlich, aber die Worte erfüllten ihn mit Stolz. Lob bekam er von Heihachi eigentlich nie zu hören. Der letzte Mensch, von dem er ehrliche Anerkennung erhalten hatte, war seine Mutter gewesen… Er blickte hinab in den Käfig. Er sah wie die Brust des Wolfes sich schwerfällig hob und senkte. Die Frau regte sich nicht.

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6 Kommentare zu “Tekken – Das Böse in Dir / Pt.4”

  1. Tekken - Das Böse in Dir / Pt.3 » Geschichten » Mi & We ( Mi and We )
    Juli 23rd, 2009 21:06
    1

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  2. Nobert
    Juli 27th, 2009 12:34
    2

    Das Spiel ist super cool, aber der Film wirdt etwas dummer meines Erachtens .. mal sehen immerhin…

    Alles Gute!

  3. Mi
    Juli 27th, 2009 19:41
    3

    Vom Film hab ich noch nicht sooviel gelesen, aber naja, man wirds sehen… der Anime war ja auch nicht so der Hit… ^^

  4. rollo
    September 21st, 2010 09:13
    4

    Das ist die beste Tekken-FF die ich je gelesen habe! Ich hoffe Du machst weiter? Schreib mir doch bitte wenn es so weit ist. Ich bekomm mich gar nicht ein, so gut geschrieben und so spannend und die Charaktere so gut getroffen! Einfach super, bitte schreib mir!

  5. Mi
    September 21st, 2010 10:39
    5

    :oops: dankeschön *freu* Ja, ich sag gerne bescheid, wenns gewünscht ist :) Ich hab in letzter Zeit öfter dran gedacht, aber bisher nie die Zeit gefunden, wirklich weiterzumachen, obwohl ein weiterer Teil schon halbfertig ist… Irgendwann, irgendwann, irgendwann…

  6. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.3 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    August 27th, 2011 21:54
    6

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