Tekken – Das Böse in Dir / Pt.1

Kapitel I

„Suchst du Streit?“ Hwoarang kochte vor Wut. Wie er diesen aufgeblasenen Kerl hasste! Was bildete der sich eigentlich ein? Hier aufzukreuzen und ihm die Tour zu vermasseln! Jetzt hatte er nicht einmal den Namen dieses reizenden Geschöpfes in Erfahrung bringen können, und das alles, wegen diesem reichen Schnösel…
„Du brauchst mal wieder ordentlich eins aufs Dach!“ Er hob drohend die Faust.
Sein Gegenüber grinste ihn an und wandte sich ab.
„Ey, du Arsch, ich rede mit dir!“ Hwoarang strich sich wütend die Haare aus dem Gesicht und packte seinen Gegner hart an der Schulter.
Dieser drehte sich gelangweilt und unbeeindruckt zu ihm um. „Jetzt hör mir mal zu“, sagte Jin Kazama in ruhigem, sehr bestimmendem Tonfall, „wenn du sie noch einmal ansiehst, es auch nur wagst, an sie zu denken, bring´ ich dich auf der Stelle um, ist das klar? Passt das in deine Rostbirne? Kannst du dir das merken?“
Sein Tonfall wurde zunehmend arroganter, was Hwoarang noch mehr auf die Palme brachte.
„Du eingebildetes Stück Dreck!“, er packte Jin am Kragen. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist, hm? Es geht dich einen Scheiß an, mit wem ich mich unterhalte, klar?“

Jin schüttelte seine Hand ab. „Du willst auf der Uni bleiben, oder?“, er grinste überlegen. „Ein Wort von mir und du fliegst!“
In Hwoarangs Kopf arbeitete es. Was der Blödmann sagte, war richtig. Jin Kazama hatte die Möglichkeiten, ihn der Uni, genauer, der Mishima Daigaku, zu verweisen, besser gesagt, ihn verweisen zu lassen, da die gesamte Einrichtung von Jins Familie finanziert wurde.
Wie gern würde er ihm jetzt mitten in seine hässliche Visage treten. Mitten rein. Direkt in dieses beschissene Grinsen.
„Weißt du, wie blöd du aussiehst, wenn du versuchst zu denken?“, feixte Jin noch und wandte sich erneut zum Gehen.
Hwoarang riss der Geduldsfaden.
Ohne zu überlegen, trat er Jin von hinten in die Kniekehlen, umfasste gleichzeitig seinen Oberkörper, warf ihn mit einer Drehbewegung auf die Erde und hockte sich über ihn.
„Dreh´ mir niemals den Rücken zu!“, zischte er drohend, „Nie wieder, verstanden? Es könnte das Letzte sein, was du tust!“
Er stand abrupt auf, ließ seinen überrumpelten Rivalen sprachlos am Boden liegen und schlug den Weg in Richtung Parkplatz ein. Er widerstand dem Drang sich umzudrehen, obwohl er zu gern gesehen hätte, wie Jin sich den Staub aus den teuren Klamotten klopfte. Der Typ würde es nicht wagen, zurückzuschlagen. Das würde auch ihm Ärger einbringen und den vermied Jin tunlichst.

Hwoarang überquerte das nahezu menschenleere Gelände und setzte seine Sonnenbrille auf. Er musste sich beeilen, wenn er pünktlich beim Training aufkreuzen wollte. Keine Zeit, nach diesem schnuckeligen Mädel zu suchen. Dass dieser Blödmann immer alles verderben musste!
Trotz seines vermeintlichen Sieges war Hwoarang sauer. Jin Kazama… warum er? Warum immer dieser Kotzbrocken?
Er ging gerade die ersten Stufen der Treppe zum Parkplatz hinunter, als hinter ihm leichtfüßige Schritte erklangen, die ihn einholten, und ihn jemand an den Haaren zog.
„Rahang!“, hörte er eine piepsige Stimme tadeln, und als er sich umdrehte, stand Ling Xiaoyu zwei Stufen über ihm und blickte ihn missmutig an.
„Du hast mir versprochen…“
„Wir beide haben es dir versprochen!“, unterbrach er sie sofort. Er wusste worauf sie hinaus wollte. „Wenn dieser Lackaffe sich nicht dran hält, warum sollte ich?“ Er wollte weiter gehen, doch sie hielt ihn zurück.
„Was war denn wieder los, hm? Hat er sich gerühmt, dich letztens beim Turnier geschlagen zu haben, oder warum musstest du so eine Show abziehen? Ihr benehmt euch, als wärt ihr maximal zwölf Jahre alt!“
Dies aus dem Mund einer gerade zwanzigjährigen zu hören, war echt hart, fand Hwoarang, sagte jedoch nichts.
„Ihr habt beide versprochen, euch zu vertragen, zumindest hier“, belehrte sie ihn. „Was auf der Straße passiert ist mir egal, ich hab´ aber keine Lust, dich von der Schule fliegen zu sehen!“
„Hältst du ihm wenigstens den gleichen Vortrag?“, maulte Hwoarang. „Im Übrigen hat er mich…“
„… letztens nur geschlagen, weil du hohes Fieber hattest, ich weiß“, führte sie seinen Satz in einem Tonfall fort, der erkennen ließ, wie oft sie diese Erklärung bereits gehört hatte. „Ihr seid beide Sturköpfe!“
„Da du alles besser weißt, kannst du mir vielleicht auch verraten, was er dagegen hat, wenn ich mit einem Mädel spreche, hm?“ Hwoarang reckte angriffslustig das Kinn. „Du bist schließlich seine Freundin, warum darf ich mich seiner Meinung nach mit dir unterhalten, mit diesem anderen Mädchen aber nicht? Erklär mir das! Ich komm´ ihm schon nicht in die Quere.“
„Was für ein Mädchen?“, fragte Ling lauernd. Sie sah irritiert aus, und Hwoarang bereute es beinahe, die Fremde erwähnt zu haben. Er wollte der Kleinen nicht wehtun. Sie kannten einander seit geraumer Zeit und er wusste, sie litt darunter, ihren Freund Jin und ihren besten Kumpel, ihn selbst, im ewigen Clinch zu erleben.
„Ach vergiss es einfach. Ich muss zum Training.“
„Rang!“, beschwerte sie sich. Er hasste diesen Spitznamen. Selbst wenn sie das a nicht wie üblich in die Länge zog.
„Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen! Was für ein Mädchen?“
Er seufzte. „Klein. Schlank. Bildhübsch.“
Ling verdrehte die Augen. „Danke, mehr solch nützlicher Informationen?“
„Wenn dein idiotischer Freund nicht dazwischen gefunkt wäre, könnte ich dir Namen und Telefonnummer nennen!“, fauchte er. „Aber dank dieses Deppen, kann ich dir leider keine weiteren Einzelheiten enthüllen, tut mir aufrichtig leid! Frag ihn doch selbst, er scheint sie schließlich zu kennen.“
Er drehte sich um und ging schnurstracks auf seine Maschine zu. Er würde zu spät kommen. Zum dritten Mal in dieser Woche. Beak würde ihn umbringen.
„Och Mensch, Rang! Jetzt hau´ nicht ab!“ Ling lief ihm hinterher.
„Klär´ das mit Jin, ich muss los!“
Hwoarang stecke den Schlüssel ins Zündschloss seines Motorrads, schwang sich auf den Sitz und startete. Gut, dass die Maschine sehr laut war, so konnte er nicht hören, was Ling noch zu ihm sagte und brauchte sich kein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Ihre Augen spiegelten zwar nach wie vor ihre Bedrückung wider, ihre Arme forderten ihn jedoch zornig gestikulierend auf, vom Motorrad zu steigen.
Er bedeutete ihr durch ein Achselzucken, dass er nicht verstand, grinste frech, rückte die Sonnenbrille gerade und gab Gas.
Im Rückspiegel erkannte er noch, wie Ling ihre Wut an einem Laternenpfahl ausließ, dann heizte er mit Vollgas durch die Straßen zu dem kleinen Dojo, in dem Beak ihn trainierte.

Als Hwoarang endlich ankam, fand er Beaks Auto nicht wie üblich in die Nische zwischen Müllcontainer und Feuerleiter des unscheinbaren Gebäudes mit dem abblätternden Putz gequetscht. Da sein Lehrmeister Unpünktlichkeit verabscheute und Hwoarang die Chance, trotz Verspätung, nicht als Letzter eingetroffen zu sein, als verschwindend gering einstufte, bedeutete dieser Umstand höchstwahrscheinlich einen Beak mit doppelt schlechter Laune: Weil sein Wagen defekt und sein Schüler zu spät war.
Hwoarang seufzte innerlich und beeilte sich, in die Umkleide zu kommen. Dort schloss er seinen Spind auf, zerrte seinen Dobok hervor, zog sich hastig um und betrat den Trainingsraum.
In der kleinen Halle herrschte Stille und es roch nach Schweiß und Anstrengung. Von Beak war keine Spur zu entdecken.
Hwoarang ließ die Verbeugung ausfallen und begann sofort den Sandsack zu bearbeiten, der an einer Eisenkette von der Decke hing. Wenn Beak kam, wollte er aussehen, als habe er lange auf ihn gewartet.
Er übte einige Kombinationen aus schwierigen High-Kicks und stellte sich dabei Jin Kazamas Gesicht vor. Die Tritte saßen perfekt. Mitten in Jins imaginäres Gesicht.
Er zählte leise: „Hah-Na!“ Der Kick ging in Jins selbstgefälliges Grinsen.
„Dool!“ Unter sein Kinn.
„Seht!“ Von rechts gegen seine Schläfe.
Verbissen trainierte er weiter. Seine Niederlage beim letzten Wettkampf musste eine einmalige Sache bleiben, durfte sich nicht wiederholen. Er würde nicht noch einmal gegen diesen Typen verlieren, das nahm er sich fest vor. Jedes ihm bekannte Schimpfwort erschien für den Fatzke noch zu harmlos. Hwoarang kam von der Straße und kannte eine Menge Schimpfworte…
Er wechselte die Stellung und bearbeitete den Sandsack mit den Fäusten.
„Yol Yuh Sut!“ Er schlug Jin in den Magen.
Führte sich auf, als würde ihm alles gehören. Bloß weil er der Erbe des Mishima-Imperiums sein würde.
„Yol Eel Kohp!“ Handkantenschlag gegen den Hals.
Was für ein Angeber.
Ling fiel ihm ein, Ling Xiaoyu. Hwoarang verstand nicht, was die Kleine an Jin fand, hatte jedoch aufgegeben, ihr in die Beziehung hineinzureden. Es war ohnehin zwecklos und im Endeffekt total egal. Er mochte die Kleine, ja. Und würde Jin ihr wehtun, könnte der sich auf Etwas gefasst machen! Ansonsten war es ihm gleichgültig, was die beiden miteinander hatten. Solange Ling ihn nicht zwang, Jin wahre Freundlichkeit entgegen zu bringen, konnte er damit leben. Sie hatten sich darauf geeinigt, offene Feindseligkeiten zu unterlassen. Das musste reichen.
Hoffentlich machte Ling sich ihres Gesprächs wegen keine Sorgen, dass Jin sie betrog. Er hätte ihr gegenüber die unbekannte junge Frau nicht erwähnen sollen. Egal wie sehr er Jin hasste, die Kleine sollte nicht darunter leiden.
Aber warum zum Teufel war Jin derart entschlossen dazwischen gegangen, als Hwoarang die Fremde in ein Gespräch verwickelt hatte? In der Regel gingen sie einander aus dem Weg, seit er ans Mishima Daigaku gekommen war. Und spätestens ab dem Zeitpunkt, als Ling der Schule beitrat, vermieden sie sogar Blickkontakt. Es war tatsächlich das erste Mal seit langem, dass Jin ihn außerhalb von Kampfarena oder Straße heruntergeputzt hatte.

Hwoarangs Körper war mittlerweile schweißgetränkt, doch er schlug und trat weiter unaufhörlich gegen den Sandsack. Das Zählen hatte er aufgegeben und seine Attacken hatten an Kraft und Kontrolle verloren. Handelte es sich tatsächlich um Jin statt um ein Sportgerät, wäre sein Gesicht mittlerweile nicht mehr als eine geschwollene Masse, dachte Hwoarang und wünschte sich, es wäre tatsächlich so.
Er atmete tief ein und holte zu einem letzten Schlag aus, der den Sandsack laut gegen die Decke krachen ließ. Dann setzte er sich auf den Boden, trank aus seiner Wasserflasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Beak war noch immer nicht erschienen. Ein Blick zur Uhr verriet, dass sein Meister seit einer knappen Stunde überfällig war. Ungeduldig wartend, hörte er dem Quietschen der Ketten zu, welches ihm verriet, dass sich der Sandsack noch nicht von seinem letzten Schlag erholt hatte, und dachte weiter voller Hass an Jin.

Das Klingeln des Telefons im Büro unterbrach ihn.
Hwoarang beeilte sich aufzustehen, durchquerte die Halle und lief barfuß durch den Flur zu dem kleinen unordentlichen Raum gleich neben der Eingangstür, wo er, in der Erwartung, Beak am Apparat zu haben, den Hörer abnahm.
„Yo?“, meldete er sich.
„Hwoarang?“, fragte eine tiefe, eindeutig männliche Stimme, die er zwar kannte, aber nicht einordnen konnte.
„Yo!“, bestätigte er.
„Hey Alter, hier ist Paul!“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Hast du Zeit? Wär´ wichtig.“
„Hey Paul!“, grüßte Hwoarang, „Zeit? Wofür?“
„Nicht am Telefon“, kam die Antwort. „Kannst du in einer Stunde bei Marshall und Forest im Restaurant sein? Ist echt dringend.“
„Mensch, ich hab Training! Wenn ich jetzt abhaue und Beak aufkreuzt, während ich nicht da bin, kann ich mich gleich beerdigen.“
„Beak wird nicht kommen“, antwortete Paul, hörbar bedrückt. „Komm her, okay? Kriegst auch was zu futtern.“
Hwoarang grinste. Paul wusste, wie er ihn überreden konnte. „Was meinst du mit ‚Beak kommt nicht’?“, fragte er noch.
„Na, dass er nicht kommen wird. Kannste warten bis du schwarz wirst und jetzt mach Dich her!“
Hwoarang hörte, wie am anderen Ende aufgelegt wurde und knallte seinerseits den Hörer auf die Gabel.
„Toller Tag heute, echt toll!“, schimpfte er laut vor sich hin. Erst sah er diesen Traum von einer Frau, woraufhin ihm Jin die Tour vermasselte und ihn vor ihren Augen der Lächerlichkeit preisgab, anschließend durfte er sich eine Predigt von Ling anhören, um die der Kotzbrocken mit Sicherheit herumkommen gekommen war, dann fuhr er umsonst zum Training und wurde schlussendlich von Paul Phoenix herumkommandiert. Langsam reichte es.
Doch was blieb ihm übrig? Beak war nicht da, und wenn er Pauls Worten glauben schenkte, wäre jedes Warten vergebens. Ob sein Meister in Schwierigkeiten steckte? Mochte er auch nach Außen den Anschein erwecken, als interessierten ihn die Belange anderer wenig, gehörte Beak doch zu den Menschen, für die Hwoarang ohne zu zögern in die Bresche springen würde.
Widerwillig erhob er sich und ging unter die Dusche.

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11 Kommentare zu “Tekken – Das Böse in Dir / Pt.1”

  1. Tekken - Das Böse in Dir / Pt.2 » Geschichten » Mi & We ( Mi and We )
    Juni 8th, 2009 00:20
    1

    [...] Tekken – Das Böse in Dir / Pt.1 FF X – Zurück [...]

  2. Tekken - Das Böse in Dir / Pt.3 » Geschichten » Mi & We ( Mi and We )
    Juni 8th, 2009 21:40
    2

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  3. Tekken - Das Böse in Dir / Pt.4 » Geschichten » Mi & We ( Mi and We )
    August 12th, 2009 20:49
    3

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  4. Zum Tekken FF-Update – 23.07.09 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    Oktober 31st, 2010 20:36
    4

    [...] ich soeben in einem Anfall von “Mir jetzt wirklich egal” den nächsten Teil von meiner Tekken-Fanfiction veröffentlicht. Eventuell editier ichs die Tage nochmal. Ich konnte mich absolut nicht [...]

  5. Tekken FF-Update vom 08.06.09 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    Oktober 31st, 2010 20:40
    5

    [...] Tekken-Story geht wider erwarten in die nächste Runde. Part 3 ist fertig, Part 4 liegt begonnen auf meinem [...]

  6. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.4 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    Mai 7th, 2011 20:36
    6

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  7. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.3 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    Mai 7th, 2011 20:39
    7

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  8. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.5 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    Mai 7th, 2011 21:01
    8

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  9. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.6 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    Juli 28th, 2011 23:15
    9

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  10. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.2 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    August 7th, 2011 20:05
    10

    [...] Was zuvor geschah… [...]

  11. Tekken – Das Böse in Dir / Pt.7 » Kreatives » Mi & We (Mi and We)
    August 15th, 2011 00:29
    11

    [...] Was zuvor geschah… [...]

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