Hikaris Dairy / Pt.2
Im Zug bin ich dann noch ziemlich lange an der Tür stehen geblieben und hab meinem geliebten Frisco hinterher geschaut, bis nichts weiter zu sehen war, als die Spitzen der Bay Bridge und die obersten Etagen einiger Konzerntower. Ich wusste ja nicht, wie lange es dauern würde, bis ich hier her zurückkehrte. Ich hätte vermutlich noch länger da gestanden, wäre dann nicht einer der uniformierten Kontrolleure an mir vorbeigekommen, der mich ziemlich unhöflich gebeten hat, meine Nase vom Fenster zu nehmen und mich auf meinen Platz zu setzen. Blödmann… [das hab ich ihm aber nicht laut gesagt, der war logisch bewaffnet...]
Tja, und dann habe ich eeeeewig lange auf meinem Platz gesessen und aus dem Fenster gestarrt. Anfangs gabs auch noch genug zu sehen, weil die Strecke zuerst durch die Indianer-Gebiete führt. Doch dann nährten wir uns dem Tir und es ging in den Tunnel. Kein Nicht-Elf darf nach Tir Taingire und darum müssen wir drunter her fahren… aber das wisst Ihr sicherlich auch alles. Naja, ab dem Moment, als die kühle unangenehme Neonbeleuchtung im Abteil anging hab ich dann das kleine Trid, das in der Rückenlehne meines Vordersitzes eingebaut war angeschaltet und hab eher bloß halb zugesehen, meine Gedanken waren ziemlich weit weg. Einerseits hatte ich schon ein ziemlich schlechtes Gewissen meiner Familie gegenüber, aber andererseits war ich tierisch aufgeregt. Seattle! Und ich auf dem Weg dorthin! WOW!
Irgendwann während der Fahrt muss ich dann eingeschlafen sein, denn als wir die Grenze zu den UCAS erreichten, riss mich die knatternde Lautsprecherdurchsage „Sehr geehrte Fahrgäste, wir möchten Sie bitten, Ihre IDs bereitzuhalten und sie unaufgefordert dem Personal vorzuzeigen. Zuwiderhandlungen oder Angriffe auf das Personal werden bestraft. Vielen Dank.“ unsanft aus dem Schlaf. Hab dann also meine ID rausgekrost und meinen Rucksack, den ich als Kopfkissen benutzt hatte aufgemacht – das Zeug wird an den Grenzen immer komplett durchwühlt. Verletzt das nicht auch die Privatsphäre? Na ja, was beklag ich mich, ich hab so was ja eh nicht. Aber ich glaub, in dem Moment hatte ich beschlossen, das sich das für mich ab jetzt ändert! Nicht unbedingt den Grenzbeamten gegenüber, aber ansonsten halt..
Nach der Kontrolle – die wohl ohne Zwischenfälle verlief, da der Zug nur knapp eine halbe Stunde an der Grenze warten musste – ging dann alles recht schnell, schließlich war Seattle nah und ich wurde immer nervöser.
Den Rest der Zeit rutschte ich also unruhig auf meinem Stuhl herum und starrte begeistert aus dem Fenster. So wie ich die Hochhäuser San Franciscos immer kleiner werden gesehen habe, wurden die Seattles jetzt immer größer. Und um WIEVIEL größer. Absoluter Wahnsinn, soooviel Glas und Stahl und einfach wow. Ich hab sogar vom Zug aus die Stelle gesehen, wo gerade die Renraku Arkologie fertiggestellt wird. Allerdings wusste ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Während ich mich noch mit immer wachsenderer Begeisterung und vermutlich auch immer größer werdenden Augen umgeschaut habe, fuhr der Zug langsam in den Bahnhof ein. Um dem größten Gedränge zu entkommen, stand ich recht früh auf, schulterte meinen Rucksack und begab mich zu einem der Ausgänge. Ich glaub, ich bin vor Aufregung die ganze Zeit von einem Fuß auf den anderen gehüpft…
Während sich immer mehr Menschen um mich drängten, wurde der Zug immer langsamer und kam schließlich gänzlich zum Stillstand. Ich quetschte mich nach einem Geschäftsmann mit Aktenkoffer durch die geöffnete Tür und sprang die Stufen hinunter auf den Bahnsteig. Hätten die Leute von hinten nicht gedrängelt und geschoben, wäre ich wohl erst mal entgeistert stehen geblieben. Doch so wurde ich von einer Menschenmenge in die Haupthalle des Bahnhofs getrieben, während ich noch versuchte mich zurechtzufinden und das alles erst mal in mich aufzunehmen.
Als sich die Menge dann endlich etwas verlaufen hatte, stand ich erst mal da und wer von Euch den Seattler Bahnhof schon einmal gesehen hat, wird sich sicher noch an seinen ersten Eindruck erinnern und nachvollziehen können, warum ich mich erst mal nicht rühren konnte – es ist ja auch wirklich überwältigend: Überall Glaswände und blitzende Stahlträger, die sich bis weit nach oben fortführen, die Balkone der höheren Etagen, die mit den Tischen und bequemen Sesseln der Restaurants und Bars zum Ausruhen einladen, leuchtende Neonreklamen und große Leinwände, die über die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge und die Sicherheitsbestimmungen des Bahnhofs informieren oder verschiedene Nachrichtensender abspielen.
Ich staunte nicht schlecht über die vielen verspiegelten Elemente, über das polierte Aluminum und die Sauberkeit – ich hatte es mir ein wenig heruntergekommener vorgestellt. Da ich in der Nacht losgefahren war, schien jetzt, am Mittag, natürlich die Sonne und erhellte alles in strahlendem Licht, so dass der Bahnhof richtig einladend wirkte, als ob er mich willkommen heißen wollte.
Um mich herum liefen geschniegelte Manager in teueren Anzügen und in Begleitung weniger geschniegelter Männer mit breitem Kreuz und grimmigen Gesichtsausdrücken geschäftig hin und her, bewaffnete Wachposten standen vor sämtlichen Ein- und Ausgängen und winkten scheinbar wahllos Passanten zu sich heran, um sie nach illegalem Besitz zu durchsuchen, entnervte Mütter riefen ihre quengelnden Kinder zur Ruhe, wiedervereinte Paare hielten sich an den Händen oder umarmten sich, laut telefonierende Personen wichen – trotz der Ablenkung – geschickt jedem Hindernis aus… kurzum: überall herrschte Hochbetrieb und Hektik.
Das Stimmengewirr der Menge summte in meinen Ohren und wurde nur hin und wieder von deutlichen Sätzen, die in meiner Nähe ausgesprochen wurden – „… wie vereinbart … ja, genau, alles wie besprochen!“ – „…aber im Vertrag auf Seite 13, Paragraph 8 hieß es ganz eindeutig…“ – „Timmie, gib jetzt endlich Ruhe!“ – oder den Durchsagen unterbrochen.
Ich schien die einzige zu sein, die einfach nur da stand und alles anstarrte – das dachte ich gerade, als mein Blick auf eine schwarz gekleidete, zierliche Person fiel, die abseits des Trubels auf einer Reisetasche saß und wiederum MICH anstarrte. Mit gerunzelter Stirn blickte ich zurück – es gehört sich einfach nicht, so zu glotzen! – und als der junge Mann sein halblanges Haar aus dem Gesicht strich, fielen mir sofort seine leicht asiatischen Gesichtszüge auf. Zugegeben, er sah ziemlich gut aus und mochte nicht viel älter sein als ich, doch in diesem Augenblick bekam ich den ersten Anfall von Panik. Wieviele Generationen seine asiatische Abstammung auch her sein mochte, sie WAR sichtbar, und sie genügte sicherlich, als dass er ein Mitglied der Yakuza sein konnte.
Als er dann auch noch aufstand und nach seiner Tasche griff – mich noch immer beobachtend – hab ich mich schnell umgedreht und bin weitergegangen, um mich im Gewühl der Menge zu verstecken. Ist das paranoid? Wieso sollte der Yakuza soviel an mir gelegen sein, dass sie mich zurück will? Oder.. na ja, es hätte ja auch einfach jemand von Mitsuhama sein können, der mich zu meinen Eltern zurückschleifen sollte… Wie dem auch sei, ich hab mich also endlich aufgehört, meine neue Umgebung anzustarren und bin durch die Bahnhofshalle auf einen der Ausgänge zugegangen. Da fiel mir zum ersten mal ein, dass ich ja nicht wusste, wohin ich in dieser großen fremden Stadt gehen konnte, denn auch wenn ich wusste, dass sich das Leben in den Schatten in einem Bezirk namens Barrens oder so ähnlich abspielte, wusste ich doch nicht, wie ich dahin kommen sollte. Ich blieb also kurz stehen und sah mich suchend um, bis ich eine Hinweistafel entdeckte, die mir den Weg zu einem Taxi-Stand wies. Besser als gar nichts. Ein weiterer Blick über die Schulter verriet mir, dass der junge Asiate noch immer in einiger Entfernung hinter mir her schritt. Drek. Also beschleunigte ich meine Schritte und lief den mir gewiesenen Weg.
Als der Ausgang zum Bahnhofsvorplatz schon in Sicht war, bemerkte ich einen komischer Kerl, der sich in meine Richtung bewegte. Er war ziemlich groß, aber er ging gebückt und war über und über mit grauen Fellen behängt. Er lächelte mich an und kam dann direkt auf mich zu. Verwirrt blieb ich stehen und starrte ihn an. Ich weiß nicht, wieso ich das gemacht hab und warum ich nicht einfach weitergegangen bin. Vielleicht, weil ich so jemanden wie ihn noch nie gesehen hab. Er war zwar ziemlich hässlich aber…
„Frau Yakataki?“ sprach er mich an.
Völlig entgeistert nickte ich.
„Würden Sie mich bitte begleiten?“
Ehe ich auch nur reagieren konnte, legte er einen Arm vorsichtig um meine Schultern – er stank nach Schweiß – und bugsierte mich mit sanftem Druck aus dem Bahnhof heraus, während er mir erzählte, dass meine Eltern sich ja solche Sorgen gemacht hätten und wie ich ihnen so was nur hatte an tun können und dass er mich jetzt zu ihnen zurückbrächte.
In diesem Moment war ich dem Kerl sowas von dankbar. Ich weiß nicht, ich stand so was von neben mir, das hatte bis zu diesem Augenblick noch nicht erlebt. Ich sah in das hässliche Gesicht des Schamanen – [I]ein Schamane?[/I] wunderten sich meine Gedanken, wie aus weiter Entfernung – und wünschte mir einfach nur, dass er mich zurück zu meinen Eltern, meinen Brüdern und Freunden brächte.
Er führte mich auf die Straße. Ich hörte keinen Laut um mich herum, nicht das Brausen der vorrüberfahrenden Fahrzeuge, das Hupen der Taxen, nur seine Stimme, die mir immer wieder erklärte, wie krank vor Sorge alle um mich wären. Ich nahm kaum meine Umgebung wahr, spürte nur die Hand des Mannes, die sich hier auf dem Bürgersteig fester in meine Schulter krallte, während er mich zielstrebig auf einen großen schwarzen Wagen zuschob. Immer noch wie durch einen Nebel und nur leise, warnend, aber kaum wahrnehmbar und tief in mir drin, fragte eine wispernde Stimme in mir, was ich hier eigentlich tat. Doch ich schaffte es nicht, mich auf diese Worte zu konzentrieren, zu eindringlich waren die des fellbehängten Mannes.
Habt Ihr so etwas schon einmal erlebt? Völlig unter der Kontrolle eines anderen Menschen zu stehen? Es ist unheimlich, wirklich! Das war das erste Mal, dass ich nachvollziehen konnte, warum einige Menschen uns magisch Begabte fürchten! Naja, das nur nebenbei, aber es ging ja weiter… und das ziemlich merkwürdig, denn plötzlich durchbrach ein lauter Knall den Redefluss meines „Begleiters“, das monotone Flüstern in mir wurde lauter und dann ging alles sehr schnell.
Mein Aufpasser fasste sich mit der freien Hand an die Schulter, in mir schrie alles [I]Lauf weg![/I] und ich rammte dem Schamanen mit aller Kraft den Ellbogen in den Magen, riss mich los und rannte blindlings davon.
Weitere Schüsse fielen und ich hörte jemanden laut rufen. Als ich mich im Laufen umsah, erkannte ich, das der junge Asiate in den schwarzen Kleidern mit gezückter Waffe hinter mir her rannte. In dem Moment war ich mir sicher, dass ich zuvor richtig geraten hatte, und er auch nur zu denjenigen gehörte, die mich wieder in San Francisco wissen wollten. Also duckte ich mich und rannte so schnell ich konnte weiter, immer darauf achtend, dass genügend Menschen um mich herum waren. Ich hatte ja so einen verdammten Schiss! Ihr könnt Euch ruhig lustig machen, dass ich feige abgehauen bin, aber.. was hättet Ihr getan, hm? Jaja… aber erst lachen… Weiter im Text:
Als ich mich in sicherer Entfernung befand blieb ich stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Ich lehnte mich an die Mauer eines Gebäudes, zog meinen Rucksack richtig auf, damit er mich nicht belästigte, wenn so etwas erneut vorkommen sollte und sah mich um. Von meinen Verfolgern war keine Spur mehr zu entdecken, doch dann fiel mein Blick auf eine junge hübsche Frau, die wie aus dem Nichts plötzlich vor mir aufgetaucht war und mich tadelnd anblickte. Ich starrte zurück und um nicht erneut Gefahr zu laufen, nach Hause geschleppt zu werden, sah ich mir prüfend Ihre Aura an, die jedoch keine Auffälligkeiten zeigte.
Während ich dies tat lächelte sie plötzlich und deutete mit dem Kopf ein Nicken in die Richtung an, aus der ich gekommen war.
„Na, kleine Kriegerin, solltest Du Dich nicht bedanken?“
„Ähm…“
„Ich glaube, da hat Dir gerade jemand den Arsch gerettet!“ sprach sie weiter und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Typ in den schwarzen Klamotten.. die Schüsse, seine gezogene Waffe! ER hatte auf den Schamanen geschossen und erst DANN hatte dieser die Kontrolle über mich verloren! Ich war ja so blöd!
„Danke, aber woher…“ begann ich, doch die große schlanke Frau mit den langen roten Haaren schüttelte nur den Kopf.
„Geh Dich bedanken!“ sagte sie noch und ließ mich ratlos zurück. Ich sage, sie ließ mich zurück, aber kommt mir jetzt nicht damit, dass ich sie hätte aufhalten können. SIE WAR EINFACH WEG! Von diesem Moment auf den Nächsten! Ich schwörs Euch, ich habe mir ihre Aura angesehen und sie war definitiv NICHT magisch! Aber… na ja.. was kümmerte es mich, sie war weg und hatte nicht versucht, mich ebenfalls zu beeinflussen oder mich nach Hause zu holen.
Ich blickte zurück zum Bahnhof und resignierte dann. Die Frau hatte recht, ich sollte mich wirklich bedanken, es ist wohl wirklich keine Kleinigkeit in Seattle Downtown offen mit Waffen zu feuern. Wenn man ihn nun erwischte..? Also fasste ich mir ein Herz und kehrte um.
Ich musste nicht lange suchen, da entdeckte ich ihn schon in der Menge. Die Waffe war nicht mehr zu entdecken und ich merkte, das er sich suchend umblickte. Also schritt ich auf ihn zu. Er war ein wenig größer als ich – was zugegeben keine Kunst ist – unter einem langen schwarzen Mantel trug er einen schwarzen Rollkragenpullover und sein dunkles Haar wirkte jetzt ziemlich zerzaust. Dann sah er mich auch und für einen kurzen Moment war ich mir sicher, dass darin Erleichterung zu lesen war. Ich trat auf ihn zu und sah ihn eine Weile an, bis ich betreten lächelte und ein leises „Ich glaub, ich muss mich bei Dir bedanken!“ hervorbrachte.
Er nickte. „Schon gut,“ sagte er – seine Stimme war angenehm, „aber jetzt lass uns erst mal von hier verschwinden, ja?“
Ich stimmte zu – was hatte ich schon zu verlieren. Er hatte mich vor Leuten beschützt, die mich wider meinen Willens nach Hause schleifen wollten und er kannte sich in Seattle vermutlich besser aus als ich. Also folge ich ihm schnellen Schrittes durch Unmengen von Straßen, bis er endlich vor einem Café anhielt.
„So, bevor ich Dich auf einen Kaffee einlade, würde ich doch gern wissen, was der Kerl von Dir wollte!“
Ich schwieg.
Mein Gegenüber schlug sich mit gespielt verzweifeltem Gesichtsausdruck die Hand vor die Stirn. „Wo bleiben nur meine Manieren!?“ Er streckte die Hand aus. „Ich bin übrigens Jason!“
Ich überlegte kurz.
„Hikari“ sagte ich dann, während ich seine Hand schüttelte.
„Okay, Hikari, dann… lass uns rein gehen und drinnen weiter reden, hm?“ Jason nickte mir aufmunternd zu und hielt höflich die Tür auf. Drinnen setzten wir uns an einen kleinen Tisch in einer Nische und bestellten etwas zu trinken. Um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen, begann ich zu reden. „Und.. warum hast Du mir geholfen?“
Jason wich meinem Blick aus und grinste etwas verlegen. „Naja, ich ähm… hab gesehen, dass der komische Kerl Dich sozusagen abgeführt hat und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das so in Deinem Sinne war.“
„Hm…“ machte ich. Ich weiß, das ist eine sehr intelligente Antwort, aber, was hätte ich denn sagen sollen? Dass die Yakuza der Mitsuhama auf der Suche nach mir sind? Weil – da war ich mir sicher – meine Eltern würden niemals einen solch komischen Kauz auf mich hetzen, und wie verzweifelt sich mich auch suchen mochten, sie würden mich NIEMALS auf diesem Wege zu etwas zwingen. Ich weiß noch, wie oft ich mir Vorträge von meinem Vater über den Missbrauch von Kräften anhören durfte.. solche Mittel würde er nicht billigen.
Jason und ich haben dann noch ne ganze Weile geredet. Ich erfuhr, dass er in einer Computerfirma als Programmierer arbeitet, 22 Jahre alt ist, mit Nachnamen Matthews heißt und zu der Zeit nur geschäftlich in Seattle war. Eigentlich lebe er in Denver und habe am Bahnhof auf einen Kollegen gewartet, der aber nicht erschienen sei, erzählte er. Pech für ihn, Glück für mich! Während wir uns unterhielten, hab ich mir auch seine astrale Gestalt angesehen. Seine Signatur zeigte kaum Auffälligkeiten, bis auf einen schwarzen Bereich in seinem Kopf: Cyberware. Aber wie Ihr sicher alle wisst, ist dass ja heutzutage schon fast normal und da er in der Computer-Branche arbeitet, ist es klar, dass er einen Anschluss oder so für sein Deck braucht.
Schließlich kam ich aber nicht drum rum, ihm auch etwas von mir zu erzählen. Er wollte unbedingt wissen, was der Fell-Typ von mir wollte, doch ich sagte, ich wisse es nicht und habe auch nicht die geringste Ahnung diesbezüglich. Dann wollte er wissen, was „so ein junges Mädchen“ wie ich allein in einer Stadt wie Seattle machte. Irgendwie hatte er ein Anrecht darauf, es zu erfahren, nachdem er mich quasi gerettet hatte, aber ich glaubte, es wäre nicht so gut, ihm die Wahrheit zu erzählen. Da ich ja Gott sei Dank viel fernsehe und überhaupt eine blühende Fantasie besitze, habe ich ihm erzählt, dass meine Mutter vor kurzem gestorben sei und mein Vater sich seitdem sehr verändert habe, ständig betrunken sei und so weiter, und dass ich es schließlich nicht mehr bei ihm ausgehalten habe und deswegen nach Seattle abgehauen wäre. Solche Geschichten hört man in den Soaps ständig und Jason sah nicht so aus, als bezweifelte er meine Worte. Er versuchte auch nicht mich zu überreden, zu meinem Vater zurückzugehen und nickte nur verständnisvoll zu meiner Geschichte.
Dann wollte er wissen, was ich denn in Seattle machen wollte [mir einen Job suchen...] und was ich denn können würde, ob ich hier jemanden kenne, bei dem ich unterkommen könnte usw. Da ich ja bis auf ihn wirklich niemanden in der Stadt kannte, entschied er, mich mit zu seinem Hotel zu nehmen, damit ich mir dort auch ein Zimmer nehmen konnte und versprach mir zu helfen, hier ein bisschen Fuß zu fassen, da er auch noch ein paar Tage in Seattle bleiben wollte.
Ich glaube, ich hab wirklich verdammtes Glück gehabt, dass ich ihn getroffen habe. Er war wirklich nett zu mir und als ich ihm erst einmal ein bisschen erzählt hatte, stellte er auch keine unangenehmen Fragen mehr.
Nach rund einer Stunde zahlte er unsere Getränke und wir verließen das Café. Zuerst liefen wir etwas planlos durch die Gegend – er kannte sich ja auch nicht soo genau aus, oft war er ja auch nicht in der Stadt – doch nach einigem Laufen kamen wir zu seinem Hotel im Bezirk Bellevue. Es war ein gutes Mittelklasse-Hotel, aber nach nur wenigen Blicken war mir klar, dass ich den Innenarchitekten verklagt hätte, wäre ich der Eigentümer des Gebäudes gewesen! Alles hier war grün! Die Teppiche und Fliesen, die Wände, Vorhänge, Decken, Mobiliar und sogar die Bilder an den Wänden waren irgendwelche hässlichen abstrakten Schinken in diversen ekelerregenden Grün-Tönen. Angeblich ist grün ja die Farbe der Hoffnung, aber mein einziges Hoffen galt in dem Moment dem Zimmer, in dem ich die nächsten Tage verbringen würde, dass es nicht auch in diesen komischen Farbtönen gehalten wäre!
Meine Befürchtungen wurden leider bestätigt.
Nachdem wir uns mit unseren IDs an der Rezeption eingeschrieben hatten – Jason war erstaunt, dass ich auf einem eigenen Zimmer beharrte, stimmte dann aber zu, nachdem er seinerseits darauf bestand, ein Zimmer genau neben meinem zu bekommen – fuhren wir mit dem Aufzug auf unsere Etage. [natürlich war der Aufzug von innen mit grünen Stoffen verkleidet... wer denkt sich so was aus?? Scheußlich!] Jason nahm mir meine Schlüsselkarte ab, öffnete die Tür meines Zimmers und brachte mich nach drinnen. Auch hier wurde ich, wie bereits angedeutet nicht von diesen Farben verschont, doch es waren angenehmere, pastellige Töne, die ein wenig an helle Jade erinnerten und bei weitem nicht so grausam zu ertragen waren, wie die Gestaltung der Lobby. Langsam war ich wirklich hundemüde – die letzten Stunden waren schließlich aufregender gewesen, als alles was ich sonst so erlebte! – doch nicht müde genug, um nicht auf die Aussicht aus dem Fenster aufmerksam zu werden.
Mit einem lauten „Wow!“ ging ich hin und schob die – grüne – Gardine auf Seite. Zugegeben, es ist sicherlich nicht der beste Blick, den man über Seattle haben kann, aber, für mich war die Stadt nun mal neu. Als ich mich von dem Anblick löste und mich umdrehte, grinste Jason mich amüsiert an.
„Gibt es da wo Du herkommst keine Hochhäuser?“ fragte er lauernd. Ich wusste genau, dass dies nur eins von vielen Details war, die er anscheinend unbedingt erfahren wollte.
Ich musterte ihn eingehend: er sah wirklich VERDAMMT gut aus. Er Band gerade sein Haar im Nacken zusammen und weil er dafür den Kopf zurücklehnte, wirkten seine Züge noch graziler als gewöhnlich. Ich schluckte meine aufkeimende Nervosität herunter und grinste dann auch. „Doch, klar nur, ähm… eben nicht SO..“ – Was für eine befriedigende Antwort!
Er zuckte nur mit den Achseln und setzte sich auf mein Bett. Ich wollte ihn gerade darauf aufmerksam machen, dass dies MEIN Zimmer sei, als er mich wieder ansah. „Wie dringend ist das mit Deinem Job?“ fragte er.
„Naja…“ ich druckste ein wenig herum. Die Fahrkarte nach Seattle hatte fast mein komplettes Erspartes verzehrt und ich hätte mir höchstens noch 3 Nächte in dem Hotel leisten können, dann wäre ich pleite…
Als ich Jason meine Misere mitteilte, stand er auf und klopfte mir aufmunternd auf die Schultern. „Kriegen wir schon hin, Dir einen Job zu verschaffen!“ meinte er. „Willst Du gleich heute noch los und was suchen? Oder willst Du Dich erst mal ausruhen?“
„Ausruhen!“ sagte ich, ließ mich nun selbst auf das Bett fallen und leerte meinen Rucksack. Amüsiert fiel sein Blick auf Oni. „Wer ist das denn?“
Ich runzelte die Stirn. „Das,“ erklärte ich würdevoll, „ist Oni! Und wenn Du es wagst deswegen zu lachen, dann…, dann…“
Er hob abwehrend die Hände und verkniff sich glaub ich nur mit Mühe ein Grinsen. „Schon gut, schon gut!“ meinte er beschwichtigend und hob seine Tasche auf. „Dann… werd ich mal zu mir gehen, was?“
Jason drehte den Schlüssel meiner Zwischentüre zu seinem Zimmer herum und wiederholte den Vorgang mit der nächsten. Ein Blick hinüber verriet mir, dass sich sein Zimmer nicht im Geringesten von meinem unterschied.
„Wolln wir tauschen?“ witzelte er von nebenan. „Ich glaub, das hier ist schöner!“
Ich lachte und ich merkte, dass es wirklich gut tat, mit ihm zu reden. Eine Weile hörte ich, wie er nebenan umherlief und anscheinend seine Sachen auspackte. Sehen konnte ich es nicht, ich hatte die Augen geschlossen und drückte Oni an mich. Ja, es tat wirklich gut, hier mit Jason zu sein. Doch, für wie lange würde das so bleiben? In spätestens drei Tagen wäre mein Geld aufgebraucht und dann…
„Wie lange bleibst Du eigentlich in Seattle?“ rief ich hinüber.
„Ein paar Tage!“ kam die Antwort und dann lauter: „Vielleicht auch ne Woche, steht noch nicht fest.“ Ich öffnete die Augen wieder und sah, dass er den Kopf in mein Zimmer gestreckt hatte. Lächelte er eigentlich immer? „Sag mal, wolln wir nicht nach unten gehen und was essen?!“
Fast im gleichen Moment hörte ich laut meinen Magen knurren und statt einer Antwort nickte ich begeistert.
Der Rest des Tages verlief dankenswerterweise recht ereignislos. Wir aßen im Restaurant des Hotel, lachten über die grünen Uniformen der Kellner und redeten über allgemeine Dinge. Draußen wurde es langsam dunkel und obwohl es noch recht früh am Abend war, wurde ich ziemlich schnell müde, so dass Jason darauf bestand, dass ich mich hinlegte.
„Morgen wird’s anstrengend genug, wenn wir Dir nen Job suchen müssen. kann ein hartes Stück Arbeit werden…“
„Musst Du morgen nicht arbeiten?“
„Doch eigentlich schon, aber. ich mach ne Ausnahme, okay?“ zwinkerte er.
Oh man, ich war ihm ja so dankbar. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie es ist, wenn man plötzlich ohne alles da steht? Ohne Familie, ohne Geld, ohne Freunde… Ich glaube, wenn man dann jemanden trifft wie Jason, dann macht man sich automatisch kaum noch Sorgen. Oder man verdrängt sie. Ach, Ihr wisst was ich meine. Ein kleines bisschen erinnerte er mich an Isao, meinen Bruder. Aber nur ein bisschen *bedeutungsvollzwinker*
Aber weiter im Text. Er betrat wieder mit mir gemeinsam mein Zimmer und sah zu, wie ich in meinen Klamotten nach meinem Nachthemd suchte. Ich brach meine Suche ab und räusperte mich. Er guckte verständnislos.
„Ähm…“ machte ich.
„Was denn?“ fragte er verdutzt.
„Würdest Du vielleicht…“
„Oh.. ooohhh.. ähm, ja, klar.. bin schon weg.“ Er ging durch die Zwischentüren in sein Zimmer und ließ mich allein – aber die Türen auf. Sowas unverschämtes!! Als ob ich mich vor ihm umziehen würde! Frech! Unerzogen! Pervers! Ich knallte geräuschvoll die Tür auf meiner Seite zu und begann mich umzuziehen – Sofort öffnete sich die Türe wieder und „War was…?“
„HENTAAAAAAAIIIIIIII!!!!!!!!!“ brüllte ich ihm entgegen, und wäre ich nicht bemüht gewesen, meine Blöße mit meinem halb ausgezogenen T-Shirt zu verdecken, hätte ich irgendetwas nach ihm geworfen. SOWAS! Glaubt mans? So ein lieber Kerl und dann so.. argh!!! Alles perverse!
Ich glaub, er hat dann auch verstanden, was ich meinte, denn mit einem entschuldigendem „Ups…“ verschwand sein Kopf und die Tür schloss sich leise.
Ich bin dann noch ins Bad, hab durch die Verbindungstür ein “Gute Nacht!“ hinüber geworfen – ich bin nicht sicher, aber ich glaube, meine Stimme klang noch etwas beleidigt – habe die Tür vorsichtshalber abgeschlossen [man weiß ja nie...] und mich ins Bett gekuschelt.
Lange lag ich noch wach und starrte, während ich Oni fest an mich drückte, gedankenverloren an die Decke. Selbst das wenige Licht, was von der Straßenbeleuchtung weit unten durch mein Fenster hereinkam genügte, um die Zimmerdecke noch immer als Grün zu identifizieren. Das war wohl absolut und überhaupt der merkwürdigste Tag in meinem Leben gewesen. und wie viel merkwürdiger würde es noch werden? ich fühlte mich fast wirklich, wie in einer meiner Lieblingsserien, das könnt Ihr mir glauben! – Übrigens, Glückwunsch, dass Ihr es geschafft habt, bis hierher zu lesen. Ich übernehm keine Verantwortung, wenn ich jemanden zu Tode langweile! Aber wer bis hierher tapfer durchgehalten hat: Respekt! Und ehrlich, das was alles noch kam, hätte ich nie im Leben für möglich gehalten… aber der Reihe nach.
Während ich also in meinem Hotelbett lag und an meine Eltern und über den Tag nachdachte, hörte ich an der Tür ein Geräusch. Ich dachte echt, der Perversling würde durchs Schlüsselloch gucken.. Also bin ich, im Nachthemd und mit Oni unterm Arm, zur Tür, hab leeeeiiiise den Schlüssel umgedreht und die Tür dann mit einem Ruck aufgerissen und laut „HA!“ gebrüllt.
……
Peinlich, peinlich…
Denn auf der anderen Seite kauerte Jason in vermutlich völlig unbequemer Haltung, mit seiner Waffe in der Hand, die gerade zu Boden gesunken war – das hatte vermutlich das Geräusch verursacht – auf einem Stuhl direkt im Türrahmen… zuckte wegen meines Gebrülls zusammen und fiel mit lautem Gepolter von seiner merkwürdigen Schlafstätte… GOTT, war mir das peinlich!!!!!!
„Was?“ fauchte er mich etwas entnervt an.
„G…g…gomen nasai!!!“ stotterte ich und bemühte mich, ihm aufzuhelfen.
„Verflucht, was… – “
„Ich… ich… ich hab was gehört und.. wollte nur… – WAS machst Du hier? Wieso bist Du nicht in Deinem Bett?“
Jetzt war es an ihm, etwas verlegen zu gucken. Er war sichtlich nervös. „Ähm…“ begann er, „weißt Du,… ich dachte, es sei vielleicht sicherer… wenn… ich besser auf Dich aufpasse… nur für den Fall, dass der Kerl mit dem Fell wiederkommt!“
Ich starrte ihn an und suchte in seiner Aura nach dem Beweis einer Lüge. Doch ich fand nichts dergleichen, nur seine ohnehin offensichtliche Nervosität.
„Glaubst Du wirklich, dass er wiederkommt? Dass er mich hier findet?“ wollte ich beängstigt wissen. Mittlerweile kam es mir so vor, als würde mir Jason etwas verschweigen, doch seine Aura log schließlich nicht!
Jason rieb sich die müden Augen und seinen Ellbogen, der etwas unsanft Bekanntschaft mit dem Türrahmen gemacht hatte. „Keine Ahnung, ich weiß ja nichtmal, was der Typ von Dir wollte…“ – „Ich hab mir nur Sorgen gemacht!“ setzte er hinterher.
„Tut… tut mir leid…“ stotterte ich und machte eine weitläufige Geste, die die Tür, seinen Stuhl und ihn mit einbezog. Jason lächelte. „Schon okay. Versteh schon, dass Du etwas nervös bist, nach dem Tag heute. Und jetzt, geh schlafen! Ich pass auf Dich auf, versprochen!“
Noch immer etwas betreten lächelte ich zurück. „Danke! Und.. Gute Nacht!“
„Schlaf gut!“
„Du auch!“
Ein etwas unbestimmtest Geräusch kam als Antwort und dann zog Jason rücksichtsvoll die Türe wieder zu. Diesmal verzichtete ich darauf, sie abzuschließen und legte mich, noch immer Oni unterm Arm, wieder ins Bett. Vielleicht, weil es mich beruhigte, dass jemand da war, der auf mich acht gab, vielleicht, weil es wirklich ein anstrengender Tag gewesen war, nach diesem Zwischenfall schlief ich auf der Stelle ein.

April 20th, 2008 10:25
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Mai 7th, 2011 21:20
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