Das Buch der Träume – Prolog / Pt.2
“Genau vermag ich es auch noch nicht zu sagen. Aber bitte, lies das.” Aganor hielt ihm das zuvor entfaltete Pergament entgegen, und beobachtete, wie Mikus´ Augen im schwachen Schein der einzigen Kerze gierig über die Buchstaben huschten, immer langsamer wurden und sich sein Gesicht in nicht zu übersehender Enttäuschung verzog, bis er das Lesen letztendlich abbrach und das Blatt sinken ließ.
“Aganor, diesen Text kennt jedes Kind! Ein altes Lied über den Ersten Krieg, den Ihr für uns entschieden habt, indem Ihr die Elben zu unser aller Rettung holtet.” Sogar die Stimme seines Tan konnte dessen Enttäuschung nicht verbergen. “Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber wollt Ihr mich mit einer unnützen Aufgabe prüfen, damit Ihr mich möglichst schnell aus dem Weg habt, wenn die neuen Schüler eintreffen?”
“Mikus!” Aganor konnte zwar die Ernüchterung nachvollziehen, war aber dennoch überrascht und gleichermaßen entsetzt, dass der Mann, der nun seit gut zehn Jahren sein Freund und Schüler war, ihm derartige Niederträchtigkeiten zutraute. “Ich war immer ehrlich zu Dir, oder nicht? Habe ich Dir verschwiegen, dass Du Dich nicht unbedingt zum Durchführen praktischer Arbeiten eignest? Nein! Habe ich Dir verschwiegen, dass Du niemals ein Meister der Schilde werden würdest, wie Du es Dir gewünscht hast? Nein! Habe ich Dich je mit gutverpackten Wahrheiten trösten wollen? Nein, denn das war nie meine Art!” Die Müdigkeit ließ ihn zorniger klingen, als er es eigentlich wollte. “Ich verstehe, dass dies auf den ersten Blick nicht das zu sein scheint, was Du Dir erhofft hast, aber ich bitte Dich, mir weiterhin zu vertrauen. Ich möchte Dir nicht direkt sagen, was meine Intention bei dieser Sache ist, vielmehr hoffe ich, dass Du selbst darauf stoßen wirst, sei es nur, um meine Theorie zu untermauern. Bitte, Mikus!”
Mikus´ Hand spielte mit dem goldenen Schlüssel, die andere hielt schlaff das Pergament, als er Aganor wieder ansah. “Ihr habt ja recht, Meister.” Er klang wenig überzeugt. “Gestattet mir, das Pergament mitzunehmen und mich eingehend damit zu beschäftigen. Ich werde Euch aufsuchen, sobald mir etwas aufgefallen ist.”
Aganor nickte, während Mikus sich erhob und auf die Tür zu bewegte. Sein Elan schien dahin. Es tat dem alten Magier leid, doch wusste er, dass es nicht an der Zeit war, ihn zu trösten, er musste ihn alleine darauf kommen lassen, nur dann konnte er sicher sein, und nur dann würde er ihm die andere Schriftrolle zeigen, die, die gut verborgen in seiner Kutte steckte.
Er ließ sich auf den Lehnstuhl fallen. “Gute Nacht, mein fleißiger Tan. Und zögere nicht zu mir zukommen, selbst, wenn Du nichts finden solltest. Ehrlich gesagt, würdest Du mir damit sogar einen großen Gefallen tun.”
Mikus blickte überrascht auf, verabschiedete sich jedoch lediglich. “Gute Nacht, Meister.” Damit verließ er den Raum und den alten Mann, der ein wenig bestürzt vor seinem Arbeitstisch sitzen blieb.
“Kein Witz zur guten Nacht?” murmelte dieser zu sich. “Dass ich diesen Tag noch erleben darf…” Damit erhob er sich schwerfällig und fühlte sich mit einem Male älter als je zuvor. Er blies die Kerze aus und kroch in sein Bett, doch ohne den wohlverdienten Schlaf zu finden. Immer wieder zitierte er im Geiste die Verse des alten Liedes, über die er sich nie viele Gedanken gemacht hätte, nie, wäre ihm nicht am Tage zuvor ein zweites, originales Schriftstück in die Hände gefallen, welches nun sicher verwahrt in seiner Kutte steckte.
Ein Land gezwungen zum Kampfe
Ein Land begraben im Leid
Gebrochene Wälle
Geschundene Maid
Verbrennende Ställe
Der Tod, der verweilt
Zerstörung und Hass überall
Verrat, der vor nichts scheut zurück
Und mit großem Knall
Und ´nem bisschen Glück
Verhindert´s den Fall
Lässt alles am Stück
Doch Völker sind so schnell im Wandel
Wollen die Rettung sofort
Und kommt dann der Held
Der nicht lange zagt
Er reitet ins Feld
Bis jeglicher Feind ist verjagt
Die Alten er bittet um Hilfe
Sie eilen geschwind
Mit wehenden Fahnen
Doch sind sie nicht blind
Für später sie planen
Und fordern dafür das Kind
Das Kind ist die Hoffnung
Die Zukunft, das Licht
Wir wollen es geben
Das Land braucht es nicht
Was ist schon ein einziges Leben
Noch dazu von so kleinem Wicht
Gegen das Schicksal von Königreichen
Wir wollen es geben
Und stellen dafür auf ewig ein Zeichen
So wendet sich alles zum Guten
Der Held hat das Böse vertrieben
Das Land ist geeint
Das Gute musst´ siegen
Und ein jeder meint
Andoveda, die schönste, ist geblieben
Wie Aganor jetzt vermutete, war dieses Lied einst nicht mehr gewesen, als eine der zahllosen Prophezeiungen, die in einem der endlosen Bücherregale der unterirdischen Bibliotheken vor sich hin staubte. Zu Hauf waren sie dort zu finden, denn von Zeit zu Zeit war es eine Art Modeerscheinung gewesen, dass sich ein jeder als Prophet aufspielte, und seitenweise leeres Gerede zu Papier brachte, um von kommenden großen Taten zu berichten, die in den meisten Fällen niemals eingetreten waren und auch nicht selten von mehr als Unsinnigem kündeten, wie zum Beispiel vom Ende der Welt, durch eine Überschwemmung aus Bier.
Niemand hatte sich je die Mühe gemacht, die Bücher alle zu lesen oder gar wegzuschließen, um sie vor unwissendem Augen zu verstecken, denn, schon in diesen verrückten Zeiten war jedem halbwegs intelligenten Mann klar gewesen: wahre Propheten befanden sich ausschließlich hinter den Mauern der magischen Feste, und all jenes, was dort geweissagt wurde, fand genügend Beachtung durch geschulte Augen und wurde auch vorsichtig behandelt. Für die Vorhersagen nicht magisch begabter Menschen interessierte sich niemand, der nicht volltrunken in einer Schenke saß und den es nach Unterhaltung dürstete.
Doch eben diese Zeilen, die Aganor nun nicht mehr aus dem Kopf gingen, hatte einst ein Harfner namens Gribful auf der Suche nach neuen erzählenswerten Geschichten entdeckt und damit Aganors Heldentaten besungen. Den Magier hatte es nie wirklich interessiert, und er hatte auch nie hinterfragt, woher das Wissen des Musikers stammte. Denn jedes Abenteuer zog eine Kette von Erzählungen nach sich, deren Wahrheitsgehalt mehr als wässrig war. Aganor war kein Freund der Gesänge, er schätze die Ruhe und zog geschichtliche Wahrheit den Mythologien und Märchen weitaus vor. Daher hatte er Gribful zu dessen Lebzeiten niemals gefragt, woher dieser sein Wissen nahm, sondern einfach angenommen, er habe mit denjenigen gesprochen, die Aganors Abenteuer miterlebt hatten und aus diesen Informationen dann letztendlich seine Verse geschmiedet.
Jetzt wusste er es besser. Zwischen all den albernen Prophezeiungen und Waschweiberweisheiten in den Kellern hatte sich ein Schatz verborgen. Ein Schriftstück, das etwas enthielt, was durchaus der Wahrheit entsprach. Und welches geschrieben worden war, lange bevor Aganor selbst je einen Fuß auf andovedanischen Boden gesetzt hatte. Denn das machte allein die Schrift kenntlich, in der es verfasst worden war. Aber er konnte sich einfach nicht erklären, wie dieses Pergament den Weg in diese Keller gefunden hatte. Und was noch merkwürdiger war: wie war es dann von dort in die magische Festung gelangt? Das war mehr als fragwürdig. Und wieder schalt er sich ob seiner eigenen Torheit. Er hätte wissen müssen, dass etwas mit dem Lied Gribfuls nicht stimmte. Von Anfang an hätte es ihm auffallen müssen. Wenn nicht ihm, wem sonst?
Es würde ihn nicht wundern, wenn auch Mikus nichts finden würde. Nein, sein eifriger Schüler konnte den Fehler gar nicht entdecken; den Fehler, den er selbst seit nun bald 300 Jahren ignoriert hatte und auf den er nur zufällig aufmerksam gemacht worden war.
Man hatte Aganor an diesem Vormittag in die Bibliothek gerufen, weil dort ein Regal zusammengebrochen war – er vertrat den Bibliothekar, wenn dieser nicht zugegen sein konnte, einfach weil er Bücher liebte und sich ihrer gern annahm, auch wenn es für viele merkwürdig klang, dass der Oberste des magischen Rates sich für derartige Dinge Zeit nehmen konnte. Er sollte die Schäden an den Büchern inspizieren und gegebenenfalls die Reparatur der wertvollen Schätze einleiten.
Und da hatte es gelegen. Zwischen den morschen Bruchstücken der Regalböden, zwischen Staub und losen Buchseiten. Vermutlich war es einfach irgendwann hinter die Regale gefallen, in der Mauer hängen geblieben und vergessen worden. Es war ihm gleich aufgefallen, da es keine einfache Rolle aus dünnem Papier war, sondern aus feinstem Leder, hergestellt für die Ewigkeit.
Und seit er die ersten Buchstaben gelesen hatte, kam er nicht mehr zur Ruhe. Genau dies war Gribfuls Vorlage gewesen, unschwer zu erkennen an den eingezeichneten Noten am Rande des Leders. Woher der Harfner diese Buchstaben lesen konnte, wollte Aganor gar nicht wissen, vielmehr interessierte es ihn, weshalb Gribful die ursprüngliche Prophezeiung so verstümmelt und seinen Fund mit niemandem geteilt hatte. Mit einem Male waren ihm so viele Ungereimtheiten aufgefallen und er mochte sich schelten, wie blind er all die langen Jahre gewesen war.
Nein, Mikus würde die Antwort nicht allein finden. Er konnte weiter darauf hoffen endlich einzuschlafen und in wenigen Stunden von seinem Tan geweckt zu werden, der ihm fröhlich alle Antworten präsentierte. Doch wenn er sich dieser Hoffnung hingab, war er mehr denn je ein Narr und er fragte sich, ob er es überhaupt noch verdiente, ruhig zu schlafen, während irgendwo da draußen ein Kind in tödlicher Gefahr schwebte, ein Kind, dass er zum Tode verurteilt hatte, ein Kind, auf dessen Schultern zugleich das Schicksal der Welt lag.
Aganor setzte sich auf und schnippte mit dem Finger, worauf die Kerze auf seinem Tisch wieder zu brennen begann. Dann befreite er das Pergament aus dem groben Leinen seiner Kutte, entrollte es zum mindestens einhundertsten Male und betrachtete versonnen und ein bisschen sehnsüchtig die verschlungenen Buchstaben, die heutzutage nur noch die wenigsten zu lesen vermochten. Das Leder war trocken und an den Seiten angerissen, es hatte vermutlich sehr lange in der Wand gesteckt. Er würde sich später daran machen, es zu ölen und es vorsichtshalber zu kopieren. In die Hände der Restauratoren wollte er es vorerst jedenfalls nicht geben. Er strich über die Seite und begann erneut zu lesen:
Ein Land gezwungen zum Kampfe
Ein Land begraben im Leid
Gebrochene Wälle
Geschundene Maid
Verbrennende Ställe
Der Tod, der verweilt
Zerstörung und Hass überall
Verrat, der vor nichts scheut zurück
Und mit großem Knall
Und ´nem bisschen Glück
Verhindert´s den Fall
Lässt alles am Stück
Doch Menschen kennen Geduld nicht
Wollen die Rettung sofort
Und kommt dann der Held
Wird nicht lang gefragt
Er reitet ins Feld
Bis jeglicher Feind ist verjagt
Die Alten er bittet um Hilfe
Wir eilen geschwind
Mit wehenden Fahnen
Doch sind wir nicht blind
Für später wir planen
Und fordern dafür das Kind
Das Kind ist die Hoffnung
Die Zukunft, das Licht
Sie wollen es geben
Das Land braucht es, nicht?
Was ist schon ein einziges Leben
Noch dazu von so kleinem Wicht
In schrecklichen Zeiten noch wert
Das Schicksal wird neue Euch geben
So schenkt Eins mit Freuden dem Schwert
So mag der Held einst gedacht
Doch wer, auch kein Retter, vermag es zu sagen
Wie wertvoll ein einzelnes Leben ist
Und wie kannst Du ohne zu fragen
Egal wie weise Du bist
Das Schicksal der Welt einem Kind übertragen
Ohne Zukunft und Hoffnung
So ist das Land und so wird es sein
Bar jenes vergessenen Kindes
Leer und verlassen, für immer allein
Verschmäht Ihr die Weisen des Volkes des Windes
Wird Euer Blut fließen wie billiger Wein
Das, so sollt die Welt je vergessen
Die Lektionen wir haben gelehrt
Bringt die Herrin der flammenden Räume
Auf dass es Euch doch eine Zukunft beschert
Wir reichen Euch hier das Buch der Träume
Dessen Zugriff sonst allen verwehrt

April 20th, 2008 10:27
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November 19th, 2010 01:12
Warum gibts denn keine Kommentare? O_O Ein paar mehr Absätze toll zum lesen und am EBNde brauche ich Hints ich versteh das Problem noch nicht. Aber ich lese gern weiter.
Auf Deine Frage ich schreibe gar nicht ich brauchte einen namen für ein Spiel
Ciao!
November 19th, 2010 14:34
Die Absätze sind damals beim einkopieren verschwunden und ich war bisher immer zu faul es neu zu formatieren
Und es ist okay nicht zu wissen wo das Problem liegt, das soll Mikus ja später aufklären
Aber wenn Du bis hierher gelesen hast… wie holperig findest Du die Reime? Ich suche immer nach Meinungen diesbezüglich, da ich nicht weiß ob sie so okay oder grauslig sind?!
Mai 7th, 2011 21:22
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