Engelssterben
29. Januar 2003, 14:41 von Mi, in Ideen mit Prolog - Dana
Fassungslos und vom Laufen nach Atem ringend starrte Dana auf die sich ihr darbietende Szenerie. Sie spürte kaum, wie ihr kalte Tränen über das Gesicht rannen. Genau das hier hatte sie zu verhindern versucht. Es war alles umsonst gewesen. Umsonst. Für nichts und wieder nichts.
Von der Hilflosigkeit übermannt spürte Dana, dass ihre Beine sie nicht mehr zu tragen vermochten und so sank sie kraftlos auf die Knie. Das taufeuchte Gras durchtränkte den dünnen Stoff ihres Kleides in Sekundenbruchteilen, doch derartiges war jetzt unwichtiger denn je. Durch den Schleier ihrer Tränen beobachtete sie die beiden gewaltigen Heere, welche sich in der Schlucht unter ihr zu formieren begonnen hatten und alles, was sie in den vergangenen Tagen getan hatte, zunichte zumachen drohten. Sie hatte sich selbst verraten, sich selbst und ihre Liebe, damit diese Welt eine Zukunft hatte, doch umsonst. Sie hatte getan, was man von ihr verlangt hatte, einzig um dies hier zu verhindern. Und es hatte nichts genutzt.
Ein leiser Aufschrei entfuhr ihrer Kehle, als die beiden Truppen sich in Bewegung setzten und wie zwei totbringende Wellen aufeinander zuströmten. Silbern funkelnde, leichtgeschnittene Rüstungen auf einen Seite; schwere gusseiserne auf der anderen. Schmale Gestalten gegen Wesen von schier unmenschlicher Größe. Feuer, Blutlust und Hass gegen die Sehnsucht nach Vergeltung und eine unerklärliche Wut. Gegensätzlicher konnten zwei Streitmächte nicht sein. Und wäre es einem Menschen vergönnt, dies mitanzusehen, so hätte für ihn der Ausgang der Schlacht auf den ersten Blick festgestanden. Ohne Zweifel wäre der Unwissende der Meinung, dass es ein schneller und ungerechter Kampf sei, den die silbernen Soldaten kaum überleben konnten. Ein Mensch würde sich fragen, warum sich nicht ihr Heil in der Flucht suchten.
Doch Dana wusste es besser. Sie würden sich gegenseitig vernichten. Bis auf den letzten Mann. Nicht einer würde überleben. Nicht einer.
Der Lärm aus der Tiefe schwoll an und Dana ertappte sich dabei, wie ihre Augen die Streitmacht in den gusseisernen Rüstungen absuchte. Von hier oben war zwar nur wenig zu erkennen, aber sie wusste genau wonach sie suchte. Doch vergebens. Dafür rückte der grauenvolle Moment immer näher. Nicht mehr lange, und die Heere würden aufeinanderprallen. In Gedanken hörte sie bereits das Aufeinandertreffen von Stahl, das Bersten von Rüstungen und Knochen, die Schreie und das Knistern der Magie.
Wenn sie doch nur die Zeit anhalten könnte. Ihr würde etwas einfallen, wenn sie nur mehr Zeit hätte, das wusste sie genau. In ihrem Kopf rauschte es und ihre Gedanken überschlugen sich. Was konnte sie tun? Nichts. In diesem Moment rein gar nichts.
Sie barg ihr Gesicht in Händen und ließ ihrer Verzweiflung freien Lauf.
Und hätte ein Mensch nur wenige Sekunden später auf die Klippe über der gewaltigen Schlucht geblickt, er hätte seinen Augen nicht getraut. Er wäre Zeuge geworden, wie eine junge Frau verzweifelt die Arme in den grauen Nachthimmel reckte und sich dabei plötzlich ein paar riesiger Schwingen aus ihrem Rücken bildeten, deren weiß beinahe die ganze Schlucht erstrahlen ließen. Und wäre er von dieser Helligkeit noch nicht geblendet gewesen, hätte er das riesige Schwert gesehen, welches sie zitternd vor Schmerz aus ihrem Herzen zu ziehen schien. Und wenn er dann, sämtlicher Wahrscheinlichkeit zum Trotz, auch noch genauer hingesehen hätte, wäre er vermutlich schreiend davongerannt, hätte er die kalte Entschlossenheit in ihren Augen gesehen.
Kapitel I
Keuchend erwachte Chris aus seinem unruhigen Schlaf. Er fuhr sich durch sein schweißnasses kurzes Haar und bemerkte zu seiner Verwunderung, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Er wischte sie fort, nicht ohne sich einzureden, dass es sich ebenfalls nur um Schweiß handelte, setzte sich auf und tastete mit der linken Hand nach der Wasserfalsche, die wie immer neben seinem Bett stand.
Gierig leerte er sie bis zum Boden, stellte sie ab und schob sich sein zerknautschtes Kissen in den Rücken, um sich anzulehnen. Verwirrt starrte er in die Dunkelheit. So ging das jetzt seit Wochen. Keine Nacht verstrich, in der er nicht schweißgebadet aus dem Schlaf gerissen wurde. Er konnte sich zwar im Wachzustand nie genau an einen der Träume erinnern, die ihn verfolgten, doch wusste er mit eigenartiger Bestimmtheit, dass sie mehr als nur verrückte Phantastereien waren.
Und nicht nur das. Sie wurden schlimmer. Die Bedrohung nahm zu. Zuerst war alles noch relativ normal gewesen. Er hatte von einer Frau geträumt. Einer schönen Frau um die zwanzig. Chris lächelte unbewusst. Doch auch aus diesen Träumen war er seltsam unsanft erwacht. Zu seinem Bedauern hatte er danach auch nie einen Grund gehabt, so erhitzt zu sein wie zum Beispiel in dieser Nacht, doch obwohl nie etwas grausames geschehen war, hatte er sich nach jedem dieser Träume schlecht gefühlt.
Ein Blick auf die rotleuchtende LCD Anzeige seines Funkweckers verriet ihm, dass er in weniger als zwei Stunden aufstehen und zur Schule gehen würde.
“Verdammte Scheiße!” fluchte er leise, schob seinen Arm wieder unter das Kissen und warf seinen Kopf darauf. Wenn das so weiter ging, dann würde er in ein paar Wochen wie ein Schlafwandler durch die Gegend rennen. Es war so schon schwer genug den Unterricht wach zu überstehen, diese nächtlichen Störungen waren nicht gerade förderlich bei seinem Versuch, die zehnte Klasse zu schaffen.
Doch so sehr er sich auch bemühte einzuschlafen, immer wieder dachte er an seine Träume zurück.
Das er sich danach schlecht gefühlt hatte, konnte man so direkt nicht sagen, eher… alleine. Er hatte sich allein gefühlt. So einsam wie nie zuvor.
Er stöhnte genervt auf und ballte seine Hände zu Fäusten.
“Ich muss schlafen, verdammt!” Chris zog sich das Kissen über den Kopf und schlang beide Arme darum, während er es fester auf sein Gesicht presste. Vielleicht würde ihn eine Ohnmacht durch Sauerstoffentzug in seinen wohlverdienten Schlaf befördern.
Kaum war er in diesen angenehmen Dämmerzustand hinübergeglitten, schellte mit unerbitterlicher Gnadenlosigkeit sein Wecker. Eigentlich war das nichts überraschendes, dachte er und zitierte im Geiste Murphys Gesetze, während er sein Kissen nach diesem Foltergerät schleuderte. Derjenige, der den Morgen erfunden hatte, war sicher kein Schüler gewesen und verdiente es, sein Dasein in nie endendem Schmerz zu fristen.
Chris´ Wurf hatte gezielt alles von seinem Nachttisch gefegt, was sich darauf befunden hatte, inklusive des Weckers, der sich davon allerdings wenig beeindruckt zeigte und auf dem Boden unablässig weiter daran erinnerte, dass es Zeit zum aufstehen war. Chris zog sich die Decke über den Kopf und nahm sich vor, das Piepsen solange zu ignorieren bis die Uhr von alleine aufgab, doch seine Mutter machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
Bereits wenige Sekunden nachdem der Wecker den Fußboden erreicht hatte, stieß sie seine Zimmertür soweit auf, dass das grelle Licht des Flures genau auf das Kopfende seines Bettes traf und ihn sogar durch die Bettdecke hindurch blendete.
“Aufstehen! Du kommst sonst zu spät!”
Dieser Befehlston duldete keinerlei Wiederspruch, das war ihm klar, doch kämpfte er noch einen Moment mit sich, ehe er resignierend die Decke zurückwarf und sich hundemüde in Richtung Badezimmer tastete, wo er seinem fremdwirkenden Spiegelbild ein gezwungenes Grinsen schenkte und die Dusche anstellte – das Wasser war eiskalt.
Dieser Tag konnte eigentlich nur besser werden.
~~~~~~~~~~~~~ Verschlafen warf Sasha einen uninteressierten Blick auf die Uhr ihres Handys und war mit einem Schlag hellwach. Fast halb zwölf! Dass sie ihre beiden morgendlichen Vorlesungen verpasst hatte störte sie recht wenig, doch war sie in einer Stunde mit zwei Kommilitonen zum Mittagessen in der Mensa verabredet! Sie sprang hastig aus dem Bett, stolperte über den Berg an Klamotten der davor gelagert war und stieß sich ihr Knie schmerzhaft am Bettrahmen. Sie humpelte lauthals fluchend ins Bad, gönnte sich eine Katzenwäsche, stieg in die nächstbesten Kleidungsstücke die überall verstreut lagen, schnappte sich ihre Jacke, klemmte sich eine Zigarette in den Mundwinkel und verließ fluchtartig die Wohnung in Richtung U-Bahnstation.
Als sie das Verkehrsmittel am Oranienburger Tor verließ hatte die Müdigkeit sie längst wieder eingeholt. So konnte es nicht weitergehen. Zugegeben, Vorlesungen vor 12 Uhr waren die reinste Zumutung, aber dennoch sollte sie sie hin und wieder besuchen.
Sie tastete in den großen Taschen ihres Mantels nach der zerknautschten Lucky Strike Packung, zog eine weitere Zigarette heraus, entzündete sie mit einem Einwegfeuerzeug und genoss den bitteren Geschmack des Nikotins auf ihren Lippen. Gedankenverloren setzte Sasha ihren Weg zur Mensa-Nord der HU Berlin fort. Diese Schlafstörungen waren langsam nicht mehr lustig. Ob sie vielleicht doch einen Arzt aufsuchen sollte? Sie war ja schon immer mehr ein Nachtmensch gewesen, der nicht gerne früh aufstand und dafür umso länger wach blieb, aber sonst hatte sie eigentlich immer ganz gut geschlafen. Egal wie müde sie zur Zeit war, zuerst schlief sie nicht ein. Vielleicht schon aus Angst vor dem, was in der Nacht passieren würde. Und wenn sie schlief, war es alles andere als erholsam. Sie träumte seltsame Geschichten, aus denen sie stellenweise beinahe schreiend erwachte. Danach konnte sie meist bis in die frühen Morgenstunde nicht wieder einschlafen.
Als sie versehentlich jemanden anrempelte blickte sie vom Boden auf und murmelte eine Entschuldigung, während sie die Treppen zum Unigelände hinaufstieg und durch de Parkanlagen auf den Eingang der Mensa zuschritt. Schon von weitem erkannte se ihre beiden Freunde, die, wie vermutlich sie selbst auch, aus der Menge der buntgekleideten Studenten hervorstachen. Rona und Mike saßen bereits auf einem der Bänke vor dem Eingang, beide mit dem Rücken zu ihr, aneinandergekuschelt und auch Rona hatte eine Zigarette in der Hand. Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht als sie im Näherkommen bemerkte, wie Mike seiner Freundin zärtlich durch das schwarze Haar fuhr und ihr etwas in Ohr flüsterte. Dann riss sie sich zusammen, setzte ihr übliches Grinsen auf, beschleunigte ihren Schritt und sprang hinter die beiden, wobei ihre Docs lauf auf den Asphalt knallten.
“Morgen Ihr zwei!”
“Waaah!” Mike tat gespielt erschrocken und sprang auf. “Na, ausgeschlafen?” fragte er ernsthaft und umarmte Sasha, die sich danach zu Rona hinunterbeugte und ihr die Arme kurz um die Schultern drückte bevor sie um die Bank herum ging.
“Geht so, und Ihr?”
Rona grinste. “Nicht wirklich. Also, gehen wir essen? Ich brauch Frühstück!”
Sasha nickte, tat es der Freundin gleich und schnippte ihre Zigarette fort, dann betraten die drei Schwarz gekleideten Gestalten die Mensa.
Als sie mit ihren Tabletts durch die Menge der hungrigen Studenten Mike folgten, der wegen seiner Größe den besten Überblick hatte und auf einen freien Tisch zusteuerte, stieß Rona sie leicht mit dem Ellbogen an.
“Du siehst scheiße aus!” flüsterte sie in besorgtem Tonfall.
“Du auch! Danke!” gab Sasha augenzwinkernd zurück.
“Nee, im Ernst. Schon wieder?”
“Erzähl ich Dir nachher in Ruhe, ja?”
Rona gab durch ein Nicken zu verstehen, dass sie sich bis dahin gedulden würde und ließ sich dann neben ihren Freund auf den Stuhl fallen, während Sasha gegenüber den beiden Platz nahm.
Während sie ihre gewählten Mahlzeiten in sich hinein schaufelten unterhielten sie sich überwiegend über ihre gemeinsames Studienfach und den Vorsatz, doch ab morgen wieder jede Vorlesung eifrig zu besuchen. Vermutlich war es nicht nur Sasha klar, das dieser Vorsatz zwar am nächsten Tag durchaus zu realisieren war, sich ab Donnerstag aber eher schlecht realisieren ließe, da dort der verhasste Kanji-Unterricht bereit um 8 Uhr zum erscheinen aufrief. Ein Blick in Ronas Gesicht verriet, dass sie den gleichen Gedanken hatte und die naive Euphorie ihres Freundes durchaus nicht teilte. Mike wäre bis Donnerstag morgen, fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn noch immer davon überzeugt, dass sie dies mitmachen würden. Dann würde er diesen Vorsatz achselzuckend auf den nächsten Tag übertragen und alles wäre in bester Ordnung. Diese Denkweise war mehr als seltsam, dennoch schien er damit gut zu leben, zumindest war er der einzige aus der seltsamen Dreierrunde, der nicht dazu neigte, sich in Selbstmitleid und Depressionen zu versenken.
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