Die Rückkehr des Lichts

7. Oktober 2004, 14:33 von Mi, in Ideen mit

Eines bedeutsamen Abends im August des Jahres 2009, versank die Sonne wie eh und je hinter dem Horizont. Langsam ging sie unter, tauchte den Himmel in unzählige Pastelltöne, ihr warmes rotgoldenes Licht erhellte die Erde mit den letzten Strahlen des Tages, begleitet vom immer leiser werdenden Lied der Vögel. Doch niemand nahm Notiz von der unbändigen Schönheit dieses Augenblickes, obwohl später ein jeder behauptete, er könne sich genau an diesen einen, ganz besonderen Sonnenuntergang erinnern. Schleichend brach das Dunkel der Nacht über die Welt herein und auch das wurde mit keinerlei Beachtung quittiert. Erst, als man am nächsten Tage vergebens auf den Sonnenaufgang wartete, wurden die ersten aufmerksam.
Das Licht kehrte nicht zurück.

Die Menschen jammerten und wunderten sich, sie weinten und klagten, flehten die verschiedensten Götter an ihnen doch das Licht zurückzugeben, doch nichts geschah. Es bliebt verschwunden. Es wurde kalt in der Welt, die Ernten verdorrten auf den Feldern, das Wetter schlug um, die Regefälle nahmen zu. Die Menschen wurden depressiv ob der ewigen Dunkelheit um sie herum und niemand wusste einen Ausweg.
Viele Jahre verstrichen und man hatte sich schon beinahe mit der Situation abgefunden - um die größten Städte waren gläserne Kuppeln erbaut worden, in denen eine künstliche Sonne Helligkeit spendete, die mit Energie aus den zahlreich entstandenen Wasserkraftwerken betrieben wurde und auch die immer öfter auftretenden Suizide bekam man langsam in den Griff - als etwas geschah:
Eines Tages tauchte wie aus dem Nichts ein Mann in Berlin auf. Keiner der später befragten Wachposten der Kuppelportale konnte sich erinnern, sein Eintreten bemerkt oder quittiert zu haben, und doch waren sich alle sicher, sich an eine solch auffällige Erscheinung erinnern zu können, wäre er an ihnen vorbei gekommen. Es handelte sich fürwahr um einen merkwürdigen Menschen. Er war groß und sehr schlank und früher wäre einem vermutlich seine sehr helle Haut aufgefallen, doch heute war das nichts besonderes mehr, da die Menschen ohne die Sonne alle helleren Teint bekommen hatten. Der Mann hatte sehr langes, feines Haar, welches auf merkwürdige weise silbrig zu glänzen schien, obwohl er ansonsten eher jung wirkte. Seine Kleidung war auffällig bunt und fiel in weiten Falten von seinem Körper herab. Über seinen Rücken baumelte an einem ledernen Band eine alte Laute.
Er trat auf einen großen Platz, und bat in die Menge, zum Oberhaupt dieses Volkes gebracht zu werden. Die Bewohner der Stadt waren jetzt noch erstaunter über ihn, und so wies man ihn den Weg zu den Regierungsgebäuden. Da er vorgab Erklärungen über das Verschwinden des Lichts zu haben, ließ man ihn rasch vortreten, doch nicht ohne eine Meute an Wachmännern, die ihm auf dem Fuße folgten. So wurde er zum Kabinett geführt.
Der Ratsvorsitzende war bereits über die Ankunft des seltsamen Mannes informiert, doch kam er nicht umhin, trotzdem verwundert die Brauen zu heben, als dieser dann vor ihm stand. Er steckte die Hand aus, um den Fremden zu begrüßen, doch dieser nickte ihm nur zu kurz zu und zeigte ein warmes Lächeln, das tatsächlich den Raum zu erwärmen schien.
„Seid… mir gegrüßt, Fremder!“ In Ratsvorsteher Bartschs Stimme schwangen Unsicherheit und Ratlosigkeit, doch das war nur für diejenigen zu erkennen, die ihn schon viele Jahre kannten, und er wich einen Schritt zurück.
Der merkwürdige Reisende trat nun näher auf den Präsidenten zu und hob den Arm; das mehrfache klicken der Pistolen, die hinter ihm entsichert wurden ignorierte er. Seine Hand landete weich auf der Schulter seines Gegenübers und man konnte beinahe sehen, wie Wärme und Ruhe durch seine Hand auf den Körper des Volksvertreters übergingen, dessen Augen sich vor Erstaunen weiteten. Der silberhaarige Mann hatte bisher noch kein Wort gesprochen doch jetzt öffnete er den Mund: „Wie willst Du Dein Volk durch die Dunkelheit führen, wenn sie selbst an Dir nagt, Dich zerfrisst, und Du ihnen keine Hoffnung spenden kannst?“ Seine Stimme klang weich und angenehm.
Die Augen des Herrn Bartsch wurden immer großer.
„Habe keine Angst! ich kann Dir den Weg weisen, aber beschreiten müsst ihr ihn selber!“ sagte der Fremde.
„Wer.. wer sind Sie?“ war alles was Herr Bartsch zustande bekam.
Wieder Lächelte der Fremde. „Nenn mich wie es Dir beliebt, ich habe viele Namen!“
Jetzt wurde es einem der Wachmänner anscheinend zu bunt; mit gezückter Waffe trat er auf den Besucher zu: „Hey, Freundchen! Behandelt den Präsidenten mit Respekt, ja? Wie Du heißt, will er wissen!“
Langsam, und immer noch lächelnd wandte sich der Angesprochene um. Der Wachmann erstarrte, blickte zu Boden und wich eine Entschuldigung murmelnd zurück. Nach diesem Geschehen traten auch die anderen Wachmänner nervös von einem Fuß auf den anderen, sie schienen das Zimmer schnellstens verlassen zu wollen, und keiner wirkte trotz der Aufregung in ihren Köpfen bereit, auf den Eindringling zu schießen. Sie empfanden auch keine Angst, nur Unbehagen und Nervosität.
Der Mann mit den leicht schräg gerichteten Augen dreht sie wieder zu seinem Gesprächspartner um und hörte nicht auf zu Lächeln. Dann zog er die Laute von seinem Rücken, setzte sich auf den großen Schreibtisch und begann zu singen:

„Ich bin ein Wind des Meeres
Ich bin eine Woge des Meeres
Ich bin ein Rauschen des Meeres
Ich bin ein Hirsch mit sieben Enden des Geweihs
Ich bin ein Falke auf einer Felsenklippe
Ich bin ein Tropfen aus der Sonne
Ich bin die Schönste unter den Blumen
Ich bin ein Wilder Eber von Furchtlosigkeit
Ich bin ein Salm in einem Teich
Ich bin ein See in einer Ebene
Ich bin ein Berg der Poesie
Ich bin eine Speerspitze im Kampf
Ich bin ein Gott, der Feuer im Kopf entzündet
Wer außer mir kann die Geheimnisse des unbehauenen Dolmen enthüllen?
Wer außer mir kann die Zeitalter des Mondes verkünden?
Wer außer mir kann den verborgenen Ruheplatz der Sonne zeigen?“

Er schloss und band die Laute wieder sorgsam auf seinen Rücken. Präsident Bartsch blickte ihn aus großen Augen an, noch immer schwangen Verwunderung und Neugierde in seinem Blick, doch der Argwohn war völlig verschwunden. Er stand da und blickte wie verzaubert.
„Danke.. für.. Ihren Gesang“ stotterte er, „Doch erklärt es mir noch immer nicht, wer Sie sind!“
„Wie gesagt, ich habe viele Namen. Viele Deines Volkes kennen mich wohl am ehesten als Taliesin, den Barden.“ beantwortete er die Frage.
Der Präsident legte den Kopf schief, und man konnte beinahe sehen, wie seine Gedanken zu dem Geschichtsmäßigen Vater des Merlin zurückwanderten, und er sich vornahm noch einmal dringend ein paar Bücher zu diesem Thema in die Hand zu nehmen.
„Nun, Sie sagten, Sie hätten Informationen über.. „ er deute mit dem Daumen gen Himmel.
Taliesin nickte schlicht, sprach jedoch nicht.
„Ähm, würden.. Sie sie auch mit uns teilen?“
Taliesin nickte erneut
Der Ratsvorsitzende wartete einen Augenblick gespannt, doch als nichts weiter geschah, als dass ihn diese merkwürdigen Augen des Barden taxierten - welche Farbe hatten sie? Waren sie wirklich golden? - und er jedoch keine Anstalten machte zu sprechen, hakte er weiter nach: „Bitte, Sie haben das Wort! ich höre zu! Soll ich.. meine Sekretärin rufen lassen, damit sie Ihre Aussage protokolliert?“
Taliesin lächelte. „Der Mensch der Menge wird nie Erkenntnis erlangen. Ich bin ein Barde, ich werde Geheimnisse nicht vor Sklaven ausbreiten!“ sagte er milde.
Der Präsident runzelte die Stirn „Was wollen Sie mir damit sagen?“ fragte er aufgebracht. „Dass ich ein Mitläufer sei? Glauben Sie, in Zeiten wie diesen hätte es keinen Umbruch gegeben? Wie es dazu kommt, dass ich auf diesem Stuhl sitze, ist wohl alleinig dem Zustand zu verdanken, den man hier das Dunkle Zeitalter nennt! Die Menschen die überhaupt noch an so etwas wie Wahlen interessiert sind, sind Querdenker! Kaum einer interessiert sich noch für Politik! Ich weiß sehr wohl, dass…“
„Ich spreche nicht von Dir!“ antwortete Taliesin ruhig.
Ein kurzer Moment des Schweigens trat ein, in dem der Präsident ernsthaft nachzudenken schien. Dann schickte er alle Wachleute und seinen Sekretär, der die ganze Zeit unbeteiligt neben ihm gestanden hatte mit einer Handbewegung hinaus.
„Besser?“ fragte er.
Wieder lächelte der Barde. „Die Wände haben Ohren und Augen, dass weißt Du so gut wie ich! Wenn Du wissen willst, was ich zu sagen habe, dann komm an Samhain nach England. Allein. Du weißt, wo Du mich finden wirst, oder?“
Der Präsident war sehr überrascht und blickte den Barden fragend an. Taliesin lächelt noch einmal, und nickte dann. „Gut!“ sagte er, und war im nächsten Augenblick verschwunden.


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Eine Reaktion zu “Die Rückkehr des Lichts”

  1. Geschichten-Übersicht « Blog, Geschichten « Mi & We

    […] Die Rückkehr des Lichts Ein Romanbeginn. Oder besser: eine Roman-Idee, denn es ist wirklich bisher nur ein “heruntergeschriebener” Anfang. Trotzdem gefallen mir die Gedanken darumherum. Mal sehen, wann ich Zeit dafür finde, aber es soll eine Art Endzeit/Sci-Fi/Fantasy Geschichte werden, mit Bezug auf die Artus-Sage. ^^ […]

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