Der letzte Hüter des Feuermondes

11. Januar 2005, 14:44 von Mi, in Ideen mit

Zwei kleine rötliche Punkte glommen wie feuerbeschienenes Kristall durch die Nacht. Unbeweglich verharrten sie in der Finsternis, schwebten einen knappen Meter über den Gipfeln der felsigen Hügel, die sich gleich einer Wehrmauer rings um ein weites Tal schlossen. Nichts sonst verriet seine Anwesenheit. Die Dunkelheit lag ihm als schützender Mantel um die Schultern und verbarg seinen Körper vollends. Einzig seine feurig funkelnden Augen deuteten an, dass sich dort etwas befand.

Nacht für Nacht hockte Vaanaihn dort. Wartend. Wartend auf diejenigen, die kommen würden ihr Werk zu vollenden. Er war ein Wächter. Ein Wächter, der jedoch nichts zu bewachen hatte als sich selbst und schwelende Ruinen. Denn sie hatten ihm bereits alles genommen.
Viele hielten ihn für verrückt, dass er so dasaß, jede Nacht. Doch das kümmerte ihn nicht.
„Jetzt gibt es nur noch Dich“, hatte Gerród, der alte Mann, der Vaanaihn aufgezogen und ihm seinen Namen gegeben hatte, zu sagen gepflegt. „Nur Dich, um die Pflicht Deines Volkes zu erfüllen“.
Gerród war seit nun gut zweihundert Jahren tot. Der Mensch, der ihm so etwas wie ein Vater gewesen war, in einer Welt, in der es sonst niemanden gegeben hatte, der sich je für den kleinen Findling, denn nichts anderes war er, verantwortlich gefühlt hätte. Vaanaihn vermisste ihn noch immer. Er würde wohl nie aufhören ihn zu vermissen.
Und sein Volk… Lughdainaihn wurde er von einigen Städtern genannt: der letzte der Lughdain. Einst hatte er diesen Namen gehasst, da er sich weigerte einzusehen, dass er tatsächlich genau das war: der letzte Mondhüter.
Damals hatte man ihn voller Ehrfurcht so gerufen – heute bedeutete dieser Name nichts als Spott. Doch ausgerechnet heute trug Vaanaihn diesen namen mit Stolz.
So gesehen bewachte er mehr als dieses Tal. Er bewachte den Feuermond. Auch wenn die Menschen heute bezweifelten, dass er je verschwinden würde. Doch damals war es anders gewesen. Gerród hatte sie ihm erzählt, die Geschichten von Jenen, die kommen würden, den roten Mond zu stehlen. Unter allen Völkern waren diese Legenden einst verbreitet gewesen, doch niemand hatte geglaubt, dass sie sich je bewahrheiten würden. Und doch war es geschehen. Keiner hatte ihre Ankunft bemerkt. Lautlos und todbringend waren sie über die Lughdain, das Mondhütervolk, hergefallen und hatten nichts übrig gelassen als den Feuermond selbst. Und genauso ungesehen, wie sie ein ganzes Geschlecht und dessen Kultur vernichtet hatten, waren sie wieder verschwunden.

Wer sie waren wusste Vaanaihn selbst nicht. Niemand wusste es mehr. Doch ihr Begehr war einst überall bekannt gewesen.
Bereits vor Jahrtausenden hatte man sich Geschichten erzählt von Doch die Legenden hatten die Zeit, die seit dem schrecklichen Unglück verging überdauert.
Doch mit dem Verschwinden der Lughdain, hatte auch die Geschichte sich verändert. Niemand glaubte mehr an die alten Mythen. Denn, das Volk der Hüter war verschwunden, der Feuermond jedoch erhob er sich noch immer, wie seit Anbeginn der Zeit, jeden dreizehnten Tag, gesellte sich für einige Stunden zu den beiden Sonnen am Firmament und verharrte auch die darauffolgende Nacht dort, genau über dem Tal in Vaanaihns Rücken, um alles mit seinem unheimlichen Licht zu erhellen, ehe er wieder verschwand.
Heute war keine dieser Nächte. Die Welt breitete sich in völliger Finsternis und Stille vor Vaanaihns Füßen aus. Nicht einmal sein eigener Atem war zu hören. Und er saß da, wartete und wartete….

***

Was für eine Nacht!
Mir fehlen die Worte. Und das mir, einem Schriftgelehrten!
Was für eine Nacht!
Man stelle sich vor, da werde ich im Alter von 75 Jahren auch noch Vater! Nicht zu glauben. Doch der Reihe nach:
Man rief uns zur Stätte der Lughdain. Ich sah diesen Ort wohl weitaus häufiger als sonst jemand. Menschen sind dort nicht allzu gerne gesehen. Die Lughdain leben unter sich, beschäftigen sich mit den Studien des Mondes und teilen sich kaum jemandem mit. Ich bin ein Astronom, einer der wenigen. Vielleicht war ich darum nicht ganz so ungebeten wie andere meines Volkes. Ich sage bewusst „nicht ganz so ungebeten“ weil wirklich willkommen war auch ich dort zu keiner Zeit. Doch ob willkommen oder nicht, nie hat mich die Schönheit einer Stadt so berührt wie diese, und das, obwohl ich guten Gewissens behaupten kann, weit herumgekommen zu sein.


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