Hikaris Dairy / Pt.3

14. Januar 2004, 14:23 von Mi, in Geschichten mit

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war die Zwischentüre noch immer geschlossen. Ich legte Oni auf Seite, ging ins Bad, um eine Dusche zu nehmen und zog mich an. Da ich dachte, dass Jason vermutlich länger schlafen würde, da er ja in der Nacht sicher nicht sehr bequem gelegen hatte, beschloss ich, alleine zum Frühstück ins Restaurant zu gehen.
Gerade, als ich auf den Etagenflur trat, öffnete sich gleich neben mir die Tür des Nebenzimmers.
Es war Jason.
„So ein Zufall!“ sagte er. „Wolltest Du auch zum Frühstück?“
Ich guckte wohl ein wenig zweifelnd. An SOLCHE Zufälle glaube ich irgendwie nicht. Doch ich nickte.
„Ohayo!“
„Ohayo, Hikari!“

Wir gingen hinunter und frühstückten in aller Ruhe. Währenddessen wollte Jason wissen, wo wir denn nach einem Job für mich suchen sollten, wo meine Stärken lagen. Das einzige, was mir auf anhieb einfiel, und was ich bereit war ihm zu sagen – es ist nicht so unbedingt gut, wenn man damit hausieren geht, dass man magisch aktiv ist… da findet sich zu schnell ein Konzern, der Interesse an Dir hat! – war, dass ich einigermaßen kochen konnte.
„Asiatisch?“ fragte er und ich nickte statt einer Antwort, weil mein Mund gerade voll mit Brot war.
Gedankenverloren nickte er. „Hmhm…, ja, doch, ich glaube, da weiß ich was, wo wir mal fragen können!“ Er betrachtete mich abschätzend von oben bis unten. „Aber zuerst müssen wir Dir wohl was zum anziehen besorgen, hm?
Ich guckte an mir hinunter. „Was stimmt mit meinen Sachen nicht?“ Wollte er mir sagen, dass ich nicht Up-to-Date war? Ich trug die ganz normale Kleidung, wie sie viele bei Mitsuhama besaßen. Es war gute Kleidung, sah nicht heruntergekommen aus und auch nicht zu teuer. Sie war vom Schnitt her leicht japanisch angehaucht und zeigte auf rotem Untergrund diverse schwarze Stickereien und Muster.
„Naja.. ähm… es wäre vielleicht besser… Weißt du… solche Dinger ähm… solche Kleidung ist.. in.. Seattle nicht so.. passend in gewissen Gegenden.“
„Wieso nicht?“ Ich war erstaunt.
„Ach, verdammt…“ er machte ein verzweifeltes Gesicht. „Das ist Konzern-Kleidung, das ist Dir schon klar, oder?“
Nein! Mist! Drek! Daran hatte ich wirklich nicht gedacht! Die großen Konzerne leben meist mit ihren Angestellten unter sich und haben nur wenig Kontakt zur Außenwelt. Wenn man IN einem solchen Konzern lebt, dann fällt einem irgendwann natürlich nicht mehr auf, dass es besondere Kleidung ist, die man trägt, eben weil es innerhalb des Ganzen völlig normal ist… Manchmal bin ich wirklich verdammt kurzsichtig… was sollte ich jetzt sagen? Ich hab mir echt Sorgen gemacht, dass er mir jetzt auch noch sagen würde, dass die Klamotten geradezu nach Mitsuhama schreien, aber er tat nichts dergleichen, sondern sah mich einfach nur abwartend an.
Ich versuchte ein möglichst überraschtes Gesicht zu machen. „Was? Wirklich?“
„Ja!“
„Die.. die hat meiner Mutter gehört, weißt Du, ich.. wollte einfach etwas haben, um an sie zu denken und… da habe ich sie einfach aus ihrem Schrank genommen.. weil.. mein Vater wollte das ganze Zeug wegwerfen!“ log ich.
„Aaaha… Da muss sie aber exakt Deine Größe und Statur gehabt haben, wenn Dir das alles so perfekt passt!“
Mist! Er hatte es mir nicht abgekauft. War aber auch egal. Zumindest was ich zu beschäftigt damit, mich aufzuregen, als dass ich wegen seiner Aussage hätte rot werden können. „Hatte sie auch!“ entgegnete ich trotzig.
Jason grinste schon wieder. „Wie dem auch sei, ich nehm Dich nicht mit auf Job-Suche, ehe Du nicht etwas unauffälliger gekleidet bist! Und darum werden wir als aller erstes einkaufen gehen!“
„Aber.. ich hab kein Geld!“
„Das kriegen wir schon hin, zur Not leih ich Dir was!“
Es ist merkwürdig, aber wann immer er sagte, wir bekämen dies oder jenes hin, glaubte ich ihm. Obwohl er nett und lustig war, sah er eher ruhig und nachdenklich aus, und nicht wie jemand, der alles so auf die leichte Schulter nahm. Aber, ehrlich! Es hat mich irgendwie tierisch beruhigt! Alles schien auf einmal kein Problem mehr zu sein und meine Laune besserte sich von Minute zu Minute, bis ich schließlich wie ein Wasserfall anfing zu erzählen. Von meinen Lieblingsmangas und -serien, meinen Lieblingsbands und so weiter. Und er schien wirklich interessiert und hörte aufmerksam zu. Meine Brüder haben dazu sonst immer nur mit den Augen gerollt und mir den Rücken zugedreht. Ich mochte Jason jeden Augenblick mehr.
Etwas später waren wir dann mit dem Taxi auf dem Weg in die City, um mir neue Klamotten zu kaufen. Ein Mode-Junkie bin ich wirklich nicht, ich mag schlichte Sachen, und darum hab ich mich dann entschieden, mir ebenfalls einfach etwas schwarzes zu besorgen. Schwarze Hose, schwarzes Sweatshirt und dazu passend einen halblangen Mantel. Jason versicherte mir mehrfach, dass mir die Sachen ausgezeichnet standen, konnte mich aber dennoch nicht dazu überreden, meine alten Klamotten einfach wegzuwerfen. Sie hatten ja schließlich meiner Mutter gehört [*höhö*] – und diese Ausrede akzeptierte er.
Das Kleiderkaufen war aber auch alles, was an diesem Tag perfekt funktionierte, die Job-Suche erwies sich als weniger erfolgreich. Keiner hatte Bedarf an einer ungelernten Aushilfe und während ich schon ziemlich bedrückt war, munterte Jason mich weiterhin auf. Wir hatten uns gerade entschieden, erst einmal eine Pause einzulegen und selbst etwas essen zu gehen, als sein Handy klingelte. Er bedeutete mir mit einer Geste weiterzugehen und schritt selbst in einigem Abstand langsam hinter mir her. Er sprach leise, doch einige Wortfetzen bekam ich trotzdem mit.
„Hallo? – Ja, Mr. Castanopolous… – Nein, ich hab schon… - Das geht im Moment wirklich nicht! – zwei bis drei Tage vielleicht – nein – nein wirklich nicht – heute Abend? – Hallo? Mr. Castanopolous?“
„Verdammt!“ fluchte er so laut, dass ich mich schließlich umdrehte und ihn ansah. Er deutete ein entschuldigendes Lächeln an und starrte dann mit etwas ratloser Miene zwischen seinem Telefon und mir hin und her.
„Lust heute Abend auszugehen?“ fragte er nach einer Weile, klang aber wenig begeistert.
„So richtig in einen Club?“
Er lachte wieder. „Ja, so richtig in einen Club!“
„Aber ich bin doch noch keine 21…“
„Das kriegen wir schon…“ antwortete er, steckte sein Handy zurück in den Mantel, legte mir den Arm um die Schulter und drängte mich durch die Tür des nächstbesten Bistros.

Wie bereits erwähnt, lief die Jobsuche nicht erfolgreich; das sollte sich auch für den Rest des Tages nicht ändern und daher war ich trotz meiner charmanten Begleitung am späten Nachmittag ziemlich fertig. Wir kehrten zurück ins Hotel, wo wir uns noch eine Weile ausruhen wollten. Jason ließ mich allein und ich legte mich aufs Bett und schaltete das kleine Trideo-Gerät an, das sich im Zimmer befand. Langweiligerweise waren die Kanäle, die man hier empfangen konnte überwiegend Wirtschaft- und News-Chanels und demnach für mich eher uninteressant. Ich zappte eine Weile lustlos herum und blieb dann bei einem Home-Shopping-Kanal, über den man zumindest lachen konnte, lehnte mich zurück und versuchte ein wenig abzuschalten, was aber nicht so richtig gelingen wollte.
Als es dann dunkel wurde klopfte es an der Durchgangstür – ein Wunder! Er zeigte doch so etwas wie Manieren! – und Jason trat ein. Er war bereits ausgehfertig angezogen, unterschied sich also in seiner Kleidung durch nichts von sonst, bis darauf, dass er bereits seinen Mantel trug.
„Bist Du fertig?“ wollte er wissen.
War ich natürlich nicht, ich wusste ja nicht um wie viel Uhr es losgehen sollte, aber ich nickte, murmelte was von „Eine Minute“ und verschwand im Bad. Wer von Euch ebenfalls weiblich und Hermitkerin ist.. Habt ihr mal etwas von einem Zauber namens „Herausputzen“ gehört? Bringts Euch bei, das lohnt sich echt! Innerhalb von Sekunden ist man tipptopp sauber und gestylt, und hat sogar geputzte Zähne! Es gibt kaum etwas praktischeres!
Jason war auch ziemlich überrascht, als er mich so rasch gestylt zurückkehren sah, doch hoch er nur kurz eine Augenbraue, legte seine gerade aufgeschlagene Zeitung auf Seite und half mir in meinen Mantel.
Mit dem Taxi kamen wir zu einem großen Parkplatz an dessen Ende ein großes flaches Gebäude stand, über dessen Tür eine große Aufschrift und ein Silberner Harlekin das „Silverfools“ ankündigten. Am Eingang genügten ein paar Worte von Jason und das von mir doppelt gezahlte Eintrittsgeld uns einzulassen, ohne, dass noch nach meinem Alter gefragt wurde und dann war ich in mitten des Getümmels.!
Es war ein toller Laden! Die Musik war genial, und nachdem Jason sich mit einem Getränk an die Bar gesetzt hatte und mir zu verstehen gab, dass er nicht tanzen wolle, hab ich mich also durch die umstehenden Tische auf die Tanzfläche gezwängt. Man, ein irres Gefühl!!! In einem richtigen Club! In Seattle! Mit einem schnuckeligen Aufpasser an der Seite! Wahnsinn!
Ich hab solange getanzt bis ich völlig schweißdurchtränkt war und wollte dann zu Jason zurückkehren - doch der war nicht mehr allein!
Er war von der Bar zu einem der Tische umgesiedelt und unterhielt sich mit einem Mann in einem sehr merkwürdig geschnittenen dunklen Mantel. Der Typ war sicherlich älter als wir - ich schätze Ende zwanzig, Anfang dreißig - und hatte einen seltsam ernsten und gleichzeitig gleichgültigen Gesichtsausdruck und streng nach hinten gegelte Haare, die den Blick auf sein sehr markantes Gesicht freigaben. Der Fremde und Jason unterhielten sich anscheinend gedämpft und waren über irgendetwas auf dem Tisch gebeugt.
Ich zögerte erst einen Moment, doch dann trat ich zu den beiden und brachte damit Jason merkwürdigerweise aus der Fassung. Sein Kopf ruckte hoch und er schaute mich ziemlich betreten an. Dann nickte er mit dem Kopf auf den Fremden und stotterte: „Oh, ähm.. Hikari, das ist.. chrm.. John,…“ er stockte. „Ein.. Arbeitskollege!“ fügte er schnell und mit plötzlich wieder erleichtertem Gesichtsausdruck hinzu.
Ich wunderte mich ein bisschen über dieses Verhalten, ließ mich aber sofort auf einen der noch freien Stühle fallen und fächelte mir Luft zu. „Hi John!“ – Doch statt einer Antwort nickte er mir bloß zu, ohne auch nur die Miene zu verziehen. Definitv merkwürdiger Kerl.
„Puuuh…! Irre heiß hier, findet Ihr nicht?“
„Naja, wir waren nicht tanzen“ Jason lächelte mich an. John sagte gar nichts. Er sah nicht einmal so aus, als wisse er, was Wärme bedeutet. Dieser schwere Mantel musste extrem warm sein.. Selbst im Winter war es sicher schwer, darin zu frieren… na ja, wem es gefiel…
„Hikari?“ sagte Jason. „Wir gehen dann morgen nochmal los, und suchen Dir einen Job, hm? Du weißt ja, ich bin nicht mehr lange in der Stadt und…“
„Könntest Du nicht bei Deiner Firma fragen, ob es da einen Platz für mich gibt?“ unterbrach ich ihn. „Ich kann auch mit Computern umgehen!“
Wieder sah Jason ein wenig betreten drein. „Nun.. was kannst Du denn?“
„Naja.. ich chatte viel und mach Computerspiele!“
„Ähm…“ Jason sah mich mit geweiteten Augen an und barg dann den Kopf in den Händen. Ich wollte ihn gerade fragen, was damit nicht in Ordnung sei, als das komische Ding, über das die zwei sich zuvor gebeugt hatten plötzlich laut zu piepen und zu quietschen anfing und dann immer wieder den Satz: „… Er zahlt Euch zweitausend, damit Ihr das gute Stück heil wiederbringt…“ von sich gab.
Ich starrte erst das Daten-Pad und dann Jason an. Der blickte hilflos und beinahe entsetz zurück, erwachte aus seiner Erstarrung, schnappte sich das plappernde Teil und versuchte es zum Verstummen zu bringen. Ich starrte ihn immer noch an. 2000 NuYen??? Für.. WAS? Und was hatte das mit Computern zu tun?? Ich war irgendwie.. geschockt und wusste nicht, was ich genau denken sollte. Ein Blick in Johns Gesicht brachte mir auch keinen Aufschluss, da dieser noch immer keine Regung zeigte. War er ein Roboter oder was?
Ich runzelte die Stirn und sah Jason vorwurfsvoll in die Augen.
Er seufzte. “Also gut. Karten auf den Tisch…”
Ich wartete.
„Du siehst doch gern Trideo, oder?“
Ich nickte. Was hatte das damit zu tun?
„Dann…“ er zögerte wieder. „… hast Du schon von Shadowrunnern gehört?“
Skeptisch nickte ich erneut.
„Okay… ICH bin ein Shadowrunner!“
Ich starrte ihn bloß weiterhin an und spürte, wie sich mein Magen verkrampfte. Ich musste an unsere Begegnung am letzten Mittag denken… Dann war er also sicherlich nicht zufällig dort gewesen.. Was, wenn man ihn geschickte hatte, damit er mein Vertrauen gewann und…
Jason unterbrach meine Gedanken: „Ich war gestern nicht zufällig am Bahnhof! Ich wurde… geschickt, um ein Auge auf Dich zu haben. Um darauf zu achten, dass man Dich nicht zu Deinem Vater zurückbringt!“
Und das sollte ich jetzt glauben? Was, wenn das auch nur eine weitere Lüge war?
„Warum?“ fragte ich forschend.
Er zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Irgendwem scheint genauso viel daran gelegen zu sein, dass Du Dich von ihm fernhältst, wie Dir. Zumindest bezahlt er gut. Weißt Du, in meinem Beruf fragt man nicht allzu viel nach Beweggründen…“
Ich begann noch einmal damit, seine Aura zu analysieren. Was war mit meiner Magie los, das ich seine Lügen nicht erkannt hatte? Doch auch jetzt – keine Spur von Unwahrheiten. Wirklich überzeugt war ich dennoch noch nicht. „Und wer war der Man mit dem Fell?“
„Das weiß ich nicht, aber den hat dann vermutlich Dein Vater geschickt, hm?“
Ich sagte nichts und schwieg. Das war wirklich etwas viel auf einmal. Ich erklärte ihm auch nicht, dass mein Vater nie so einen.. Typ auf mich ansetzen würde. Unfaire Methoden. Aber mir kam eine neue Idee – Jason arbeitete also in den Schatten und er hatte heute abend hier hier gehen müssen, um sich mit John zu treffen und eben diesen Auftrag zu erledigen. Für diesen Job gab es 2000 NuYen! Ich war pleite…
„Was ist mit diesem Job?“ ich nickte mit dem Kopf zu dem Pad. „Kann ich Euch dabei nicht helfen? Damit ich Dir Dein Geld wiedergeben kann und…“
„Vergiss es, Hikari! Runs sind gefährlich und ich soll auf Dich aufpassen! Da schleppe ich Dich doch nicht mit!“
Mitschleppen.. wie das klang.. der nervige Klotz am Bein… „Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen!“ Langsam wurde ich wütend!
„Das glaube ich Dir ja, nur… ich will nichts riskieren, okay? Du kannst solange in meiner Wohnung warten, aber ich werde Dich nicht mitnehmen!“ Jason nickte mit dem Kopf um seine Bestimmtheit zu unterstreichen. Ich war verwirrt. Seine Wohnung…?
„Deine… In Denver?“ Ich machte große Augen.
Jason schien verlegen. „Nein, ich wohn schon hier in Seattle.. das mit Denver war.. nun.. ähm.. Tarnung?“
Also alles eine Lüge! Ich verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte so trotzig wie möglich auszusehen. „Ich werde nicht in Deiner Wohnung bleiben! Was, wenn mich der Mann mit dem Fell dort wiederfindet?“
„Dann wirst Du ihm wohl so begeistert folgen, wie das letzte mal…“
Nur mit Mühe konnte ich ein triumphierenden Grinsen unterdrücken. „Siehst Du! Du musst auf mich aufpassen und ich kann unmöglich irgendwo alleine bleiben!“ Am liebsten hätte ich ihm die Zunge herausgestreckt. Wenn er mich für ein dummes kleines Mädchen hielt hatte er sich geschnitten!
Jason sah schockiert aus. Er blickte hilfesuchend zu John, hinüber, doch der tat, als ginge ihn das Gespräch gar nichts an. Er hockte einfach da und blickte so ausdruckslos wie zuvor durch das Silverfools. Noch immer schwieg Jason und sah abwechselnd zu mir und zu John.
„Hikari also.. ähm…“ er gab ein undefinierbares Geräusch von sich, stand dann abrupt auf und zog sein Handy aus der Tasche. „Warte hier!“ befahl er. „Ich werd versuchen eine Lösung zu finden.“
Ich verschränkte die Arme wieder vor der Brust und sah Jason nach, wie er in Richtung der Toiletten verschwand und wartete auf seine Rückkehr. Immer wieder glitt mein Blick zu John, diesem merkwürdigen Man zurück. Ich musterte ihn eingehend und kam zu dem Schluss, dass er vermutlich auch richtig gut aussehen könnte, wenn er nur einmal Lächeln würde. Ich öffnete schon beinahe den Mund, um ihn darauf aufmerksam zu machen, doch schloss ihn dann auch gleich wieder. Ich glaube, einem Fremden so etwas zu sagen ginge dann doch etwas zu weit. Außerdem sah er nicht so aus, als würde er zögern, mich auf der Stelle zu erwürgen, wenn ich unhöflich zu ihm war. Gesetz den Fall, dass es ihm überhaupt etwas ausmachen würde… Also schwieg ich und beobachtete das Treiben des Silverfools.
Beinahe wäre ich wieder aufgestanden und auf die Tanzfläche verschwunden, als ich Jasons Kopf am anderen Ende der Bar wieder auftauchen sah. Er sah aus, als hätte er sich die Haare gerauft und schien überhaupt nicht glücklich.
„Uuund?“ platze es aus mir heraus.
Statt mit zu antworten, ließ er sich bloß stumm auf seinen Stuhl sinken und glotze mit leicht glasigem Blick auf sein Telefon. Dann seufzte er und wandte sich an John. „Sie meinte,“ er deutete auf das Handy, „ich soll sie mitnehmen!“ sagte er mit Grabesstimme.
John – welch Überraschung – schwieg.
„Wer? Wer sagt das??“ wollte ich wissen.
Ein wenig genervt sah Jason mich an. „Die Schieberin, die mir den Auftrag gab, auf Dich zu achten.“
„Hmm… Hast Du sie mal gefragt, von wem der Auftrag kam?“
„Natürlich nicht! Hab ich nicht eben schon erklärt, dass man in meinem Job nicht zu viele Fragen stellen sollte? Das wird nicht so gern gesehen!“
Ich musste mich anstrengen, nicht zu beleidigt auszusehen. „In dem Fall solltest Du es aber tun! Ich wills nämlich wissen!“
Jason grunzte und weil auch sonst keiner mehr irgendetwas sagte, blieben wir schweigend sitzen. Das passte mir ja so überhaupt nicht, dass Jason sich so quer stellte! Wer tat schon etwas, ohne zu wissen wieso und weshalb? Ich fand das ganz schön blöde! Trotzdem hegte ich die Hoffnung, dass er es sich überlegen würde, und seine Schieberin – was auch immer eine Schieberin war – doch noch irgendwann fragte.
John, dem das Schweigen zuviel zu werden schien [obwohl er ja kaum der gesprächigste war] erhob sich plötzlich, meinte: „Wenn dann alle Probleme beseitigt sind, können wir ja jetzt los!“ und schob sich in Richtung Ausgang.
Ein wenig perplex sahen Jason und ich uns an. Er seufzte noch einmal und murmelte etwas von „Das könne ja heiter werden“ oder so und forderte mich auf, ihm zu folgen.

John stand wider erwarten auf dem Parkplatz auf sah uns entgegen. Er und Jason besprachen in gedämpften Tonfall das weitere Vorgehen, dann rief Jason uns ein Taxi und wir fuhren schweigend zurück ins Hotel. Dort hielt ich es nicht länger aus.
„Und? Was jetzt?“ wollte ich wissen.
„Gar nichts jetzt. Du bleibst hier und ruhst Dich noch aus. Ich pack uns in der Zwischenzeit alles zusammen was wir eventuell brauchen werden und dann treffen wir uns um 1 Uhr mit John.“ Seine Stimme klang leicht überreizt, auch wenn er sich anscheinend bemühte, eine freundliche Miene zu zeigen.
„Und was müssen wir tun?“
„Einen geklauten Prototyp zurückbringen.“
„Was für ein Prototyp?“
Jason seufzte wieder. „Was habe ich Dir über das Fragenstelen gesagt?“
„Ja, schon, aber ich mach ja schließlich mit und darum will ich auch wissen, bei was!“
Wieder ein Seufzer. „DU wolltest mitkommen, erinnere Dich! – Aber.. gut. Es geht um nichts aufregendes. Eine Gang hat einen Laster mit einer Ladung SimSinn-Playern überfallen und geklaut. Darunter war eben auch dieser Prototyp. Das ist doch eine Sache, mit der Dich guten Gewissens befassen kannst, oder?“
„Klar!“ strahlte ich ihn an. „Und was ist meine Aufgabe?“
„Ähm… Du… hältst Dich zurück, bist leise und versuchst, nichts zu tun, um was wir Dich nicht ausdrücklich bitten, in Ordnung?“
„Aber warum…?“
„Hikari! Bitte! Ich bin im Moment für Dich verantwortlich! Runs sind gefährlich, okay? Erst recht, wenn man mit gleich zwei Anfängern loszieht…“
„Zwei?“
Jason nickte. „John ist zwar kein wirklich Anfänger, aber.. nun ja.. er kennt die Schatten auch noch nicht. Darum: Bitte! Halt Dich an das, was ich Dir sage, in Ordnung? Ich meine es nur gut mit Dir! Ich will nicht, dass Dir etwas passiert!“ fügte er beschwichtigend hinzu.
„Okay!“ nickte ich ein wenig enttäuscht und ließ Jason seine Sachen packen, während ich mich auf mein Bett legte und versuchte, ein wenig zu entspannen - schließlich sollte es eine aufregende Nacht werden!

Mit dem Taxi fuhren wir dann gegen viertel nach zwölf los und stiegen an einem alten, ziemlich heruntergekommen wirkenden Parkhaus aus, was aber noch in Betrieb zu sein schien. Trotzdem war es zu dieser Uhrzeit beinahe Menschenleer. Jason zahlte das Taxi und wir betraten das Gebäude. Während ich mich angeregt mit ihm über Musik unterhielt – okay, ich redete und er hörte zu – nährten wir uns dem einzigen Auto, das auf der unteren Etage stand. Ein stinknormaler grauer Ford Americar mit John am Steuer wartete auf uns. Er hatte den Wagen gemietet, das wusste ich von Jason, der mir auch erklärt hatte, dass es wenig empfehlenswert war, mit dem Taxi zu einem Run aufzubrechen. Na ja, das leuchtete sogar mir ein.
Als wir uns John nährten brach ich das Gespräch ab. Der Typ war mir.. na ja, nicht unsympathisch aber… Er wirkte bei weitem nicht so vertrauenserweckend wie Jason. Ich war einfach.. vorsichtig.
Ich kletterte auf den Rücksitz des Wagens, Jason steig vorne ein und nannte John eine Adresse, die dieser in das Navigationssystem des Ford eingab und gleich losfuhr.
Während der Fahrt erläuterte Jason uns noch einmal die Situation. Die Straßengang namens „Halloweeners“ hatten in einem der heruntergekommeneren Vierteln von Seattle Downtown ein Lagerhaus, in dem sich allen Informationen zu Folge der gestohlene Prototyp befand. Die Halloweeners waren seiner Aussage nach nicht wirklich gefährlich, unterlagen eher diesem „Große Klappe – Nichts dahinter“ -Syndrom. Er machte darauf aufmerksam, dass er keine Toten wünsche und hoffte, dass auch Johns Waffen dementsprechend nur mit Betäubender Muni geladen wären. Er erhielt zwar keine Antwort, schein damit aber auch zufrieden zu sein.
Weil nach dieser Belehrung angestrengtes Schweigen im Wagen herrschte, überwand ich mich und versuchte endlich, mit John ins Gespräch zu kommen.
„Bist Du schon lange in Seattle?“
„Nein.“
„Und… woher kommst Du?“
„Europa.“
„Woher denn da?“
Keine Antwort. Ich versuchte es erneut.
„Gefällt Dir Seattle?“
„Gefallen?“
„Na ja ich meine… magst Du die Stadt?“
„Keine Ahnung.“
Ich gab es auf. Da war ja selbst mein Oni gesprächiger. So stützte ich meinen Kopf auf den Rucksack, den Jason neben mich auf die Rückbank gelegt hatte, starrte aus dem Fenster und beobachtete interessiert den Wandel der Umgebung. Führen wir zuerst durch die teureren Viertel, wurden die Gebäude nach einer Weile kleiner, dann dreckiger und schließlich umgaben uns nur noch große Lagerhallen, die überwiegend mit reichlich Graffiti verziert waren.
Neben einem dieser Gebäude hielt John dann auch an. Es handelte sich um eine Seitenstrasse der Elm-Street, unserem Ziel. Langsam wurde ich doch nervös, doch nachdem wir ausgestiegen waren und leise und in den Schatten verborgen das Grundstück umrundeten, zwinkerte mir Jason aufmunternd zu. Ich lächelte ein wenig gezwungen zurück.
„Hikari ga hikaga ni.“ flüsterte ich, mehr zu mir, als zu ihm. Er stutzte kurz und nickte mir dann, immer noch lächelnd – zu. Er hatte verstanden. „Licht in den Schatten.“


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