FF VII - Weihnachten in Nibelheim

25. Dezember 2003, 13:29 von Mi, in Geschichten mit

Seit Tagen schon fiel der Schnee, und verbarg alles rings umher unter seiner gleichmäßigen weißen Schicht, die sich bereits so hoch türmte, dass selbst Barret bis weit über die Knie darin versank und sich nur unter größten Anstrengungen Vorwärtskämpfen konnte. Hausdächer ächzten unter dem Gewicht der glitzernden Masse und die Tannen mühten sich bei jedem Windhauch vergeblich, einen Teil ihrer ungewohnten Last abzuschütteln.

Es war später Nachmittag am 24. Dezember und Nibelheim glich einer Winterwüste, doch so abgeschnitten von der Außenwelt hatte man sich versammelt, um gemeinsam das Weihnachtsfest zu verbringen. Alle waren gekommen und saßen nun dicht gedrängt um den Kamin der alten ShinRa-Villa, die Cloud und Tifa liebevoll restauriert hatten, und lauschten einander ihren Erzählungen, während sie auf den Weihnachtsmorgen warteten.
Yuffie lag ausgestreckt und mit geschlossenen Augen auf dem Bauch und kraulte Nanaki zärtlich hinter dem Ohr. Auf ihrem Kopf saß ein wenig schief eine leuchtend rote Nikolausmütze, deren Bommel sie regelmäßig wieder nach hinten auf ihren Rücken schleuderte, wenn er sich einmal wieder - auf ihr unerklärlichem Wege - in ihr Gesicht verirrt hatte. Der neben ihr liegende Nanaki hatte nur ein Auge geöffnet und beobachtete leicht belustigt dieses Spielchen, während er mit seinem Schwanz Yuffies Mützenbommel immer wieder nach vorne stupste. Hin und wieder verriet sein leises Schnurren, wie sehr er die Streicheleinheiten der kleinen Diebin genoss.
Auf Nanakis anderer Seite kauerte Marlene, die ihre Hände an einer dampfenden Tasse Kakao wärmte und immer wieder über die Schulter in den großen Wohnraum lugte, wo unter einem herrlich geschmückten Weihnachtsbaum ein besonders großes Paket in Barrets krakeliger Handschrift ihren Namen zeigte. Zu gern hätte sie sich bereits jetzt darauf gestürzt und die goldene Schleife geöffnet.
Gleich neben Marlene hockte Cid auf einem großen Sitzkissen und unterhielt sich angeregt mit Vincent, der den Anwesenden gerade erzählt hatte, was in Midgar vor sich ging und was von der einst großen Stadt noch übrig geblieben war. Dort war er nämlich bis zu diesem Morgen gewesen. Er fühlte sich für die Zerstörung dort mitverantwortlich und war bemüht, den von dort geflohenen möglichst alle noch intakten Besitztümer wieder zukommen zu lassen. Er war zwar noch immer recht verschlossen, doch hatten alle bemerkt, wie gut ihm diese neue Aufgabe bekam. Als Cid ihn seines Engagements wegen lobte, stahl sich sogar ein leicht verschämtes Lächeln auf seine Lippen und er verbarg seine Augen nicht wie früher hinter seiner langen dunklen Haarpracht, sondern wandte den Kopf zu einer großen schlanken Person mit Vollbart, die ein wenig schüchtern neben ihm saß, und strahlte sie an. “Reeve ist es zu verdanken, dass wir die Truhe der alten Dame gefunden haben!” sagte er mit Nachdruck und ließ wie zufällig seine Hand auf der seines Sitznachbarn landen.
Cid grinste breit und schwieg. Doch sein Blick wanderte ein wenig wehmütig zu dem großen mechanischen Mog und dem darauf sitzenden gekrönten Kätzchen herüber, die still und starr, wie eine Eisstatue in einer Ecke standen. Es würde eine Weile dauern, ehe er sich daran gewöhnt hatte, dass es Cait Sith nicht mehr gab und er nun mit dem ehemaligen ShinRa Angestellten Reeve auskommen musste, der Vincent bei seinen Arbeiten in Midgar unterstützte und sich so klammheimlich in die verschworene Gemeinschaft eingeschleust hatte. Nicht, dass Cid etwas dagegen gesagt hätte, erst recht nicht, seit seine Freundin Shera ihm in ernstem Tonfall erklärt hatte, dass er sich da nicht einzumischen habe, und dass sie alle froh sein konnten, dass Vincent sich nicht völlig von ihnen zurückgezogen hatte. Und wenn seine Liebste schon einmal die Stimme erhob, da hatte er lieber zu schweigen.
Cid inhalierte tief den letzten Zug seiner Zigarette und drückte sie dann nachlässig in einem überfüllten Aschenbecher aus, der neben seinen bis zum Filter hinunter gerauchten Zigaretten noch Barrets Zigarrenstummel beinhaltete und außerdem unzählige Kippen, die bereits nach einem Zug wieder gelöscht worden waren. Ein deutlicheres Anzeichen für Nervosität konnte es in Cids Augen kaum geben. Wertvolle Züge zu verschwenden….
In diesem Moment wurde die schwere Eingangstür aufgestoßen und Barret trat, von Schneeflocken umwirbelt, in die Halle; in den Armen hielt er unzählige aufgetürmte Holzscheite. Marlene lief ihren Vater entgegen und klammerte sich fest an sein Bein. „Wann darf ich es aufmachen? Sag schon!! Wann?“ quengelte sie.
“Nicht Marlene! Papa ist gleich fertig!” brummte der Riese, während er auf dem anderen Bein hüpfend versuchte, sein anhängliches Äffchen abzuschütteln. „Wo sind denn die Anderen?“
“Öööchöm” räusperte sich Yuffie mit gespielt empörtem Grinsen im Gesicht.
“Ah…” antwortete Barret lächelnd “Na, da haben sie sich ja den richtigen Tag ausgesucht!”
Er ließ das Holz in einen Korb neben dem Kamin fallen, und zog sich den dicken mit weißen Flocken verzierten Mantel von den Schultern und ließ sich neben seiner Tochter auf den Boden fallen. Sie drückte seinen muskulösen Arm und überreichte ihm ihre Tasse mit Kakao. “Ich mach mir neuen, “ flüsterte sie, „du musst warm werden.”
“Welch ein Luxus!” beklagte sich Cid ironisch. “Shera, Teuerste!” brüllte in die Stille des leeren Hauses. “Ich möchte auch ein Kind!”
“Ich bring Dir auch neuen Kakao mit” strahlte Marlene, froh über soviel Aufmerksamkeit. “Möchte sonst noch wer?”
“Hier ich!” meldete sich Yuffie und erhob sich schläfrig. Nanaki ließ ein unwilliges Brummen vernehmen, nachdem seine Massage unterbrochen wurde. “Ich komme mit, warte, dann machen wir gleich für alle noch etwas.“
Barret lächelte den zwei Mädchen nach und wandte sich an Vincent. „Wie lange wird es noch dauern?“
Vincent zuckte mit den Achseln.
„Das ist ganz unterschiedlich,“ antwortete Reeve an seiner statt. „Das kann man vorher nie genau sagen…“
Nervös trommelte Barret mit seinen großen Händen auf dem kleinen Tischchen herum und ließ damit den Aschenbecher und einen kleinen Plätzchenteller auf und ab hüpfen.

Nachdem Yuffie und Marlene mit dem frischen Kakao zurückgekehrt waren und sich die Gruppe wieder an den Kamin gekuschelt hatte, herrschte gemütliches Schweigen. Yuffie hatte sich wieder zu Nanaki gesellt, der mittlerweile andächtig schnarchte. Marlene blickte immer noch angestrengt zu ihrem Paket unter dem Baum, welches sie erst am nächsten Morgen würde öffnen dürfen. War das nicht eine Ungerechtigkeit? Was, wenn nun jemand kam und ihre Überraschung stahl?
Barret blickte aus dem Fenster und beobachtete die fallenden Flocken, während er dem knisternden Knacken des brennenden Holzes lauschte. Vincent starrte verträumt in die unregelmäßig hochzüngelnden Flammen und summte eine leise Melodie. Reeve hätte alles gegeben, jetzt seine Gedanken lesen zu können. Doch er wusste, dass man Vincent nicht unterbrechen durfte, in diesen Momenten und so versuchte er es den anderen gleichzutun und einfach zu schweigen, während er Cid beobachtete, der weiter seinen Kakao schlürfte und eine Zigarette nach der anderen rauchte.

Mitten in diese idyllische Stille brach plötzlich ein lauter spitzer Schrei.
Alle fuhren zusammen und Vincent sprang wie von der Tarantel gestochen auf die Füße.
Lautes Türenschlagen erklang, gefolgt von hastigem Fußgetrampel.
Alle im Kaminzimmer Anwesenden richteten sich nun auf und starrten wie gebannt auf die Tür am Ende der Treppe, die ins obere Stockwerk führte.
Ewigkeiten schienen zu vergehen, bis sie – nur Sekundenbruchteile später – endlich aufgestoßen wurde und ein sehr zerzaust aussehender Johnny mit Blut beschmiertem Gesicht in den Türrahmen trat und auch Sheras Kopf wenig später mit müdem Gesicht hinter ihm auftauchte.
Beide blieben am Treppenabsatz stehen und starrten auf die am Kamin Versammelten, die wiederum die oben Stehenden gespannt fixierten.
„Uuuuund???“ quiekte Yuffie aufgeregt.
Shera strahlte über das ganze Gesicht und stürmte die Treppe hinunter, wo Cid sie sogleich in die Arme schloss. „Es ist da!“ rief sie. „Wartet einen Moment, sie kommen gleich! Hach, Kinder, es so niedlich!“
Nun wurde Shera von allen Seiten mit Fragen bestürmt, doch sie schüttelte beharrlich den Kopf und sagte nur: „Wartet ab!“
Auch Johnny hockte sich nur still an dem Kamin und lächelte in sich hinein.
„Paaaapaaaaa!“ Marlene hüpfte aufgeregt herum. „Ich will es sehen, bitte!“
Barret grinste. „Überleg es Dir, meine Kleine,“ brummte seine Bassstimme. „Entweder die Päckchen, oder…“
„Ich will es seeeeheeeeeen!!!!“
Alle lachten, sogar Reeve vergaß seine Schüchternheit und stimmte mit ein. Johnny räusperte sich. „Gib ihnen noch ein paar Minuten, Marlene.“ bat er vernünftig.
„Du hast gut reden! Du hast es ja schon gesehen!“ beklagte sich die Kleine und stellte sich schmollend ans Fenster.
„Aber er hat Recht!“ schlichtete Barret. „Los, komm, Du darfst Dir dafür schon eins Deiner Päckchen aussuchen und ausnahmsweise bereits jetzt öffnen.“
Halbwegs versöhnt mit dieser Aussicht wollte sich Marlene gerade ins Nebenzimmer schleichen, als sie aus dem oberen Stockwerk wieder Fußgetrappel hörten.
Nanaki jaulte aufgeregt und Shera drückte Cids Arm so fest, dass dieser seine Zigarette auf Yuffie fallen ließ, die sofort quiekend und schreiend hin und her zu springen begann, bis ihr Geschrei von einem weiteren, zarten Stimmchen unterstützt wurde. Schlagartig herrschte Stille in der Halle, nur Yuffie schüttelte noch rasch die Kippe von ihrem Körper und trat sie aus.
Langsam öffnete sich die Tür am oberen Ende der Treppe und Cloud trat heraus, ein Bündel weißer Laken im Arm und ein seeliges Lächeln im Gesicht. Vorsichtig schritt er die Treppe hinunter und war kaum unten angekommen, als alle neugierig näher kamen.
„Ein Mädchen!“ sagte er mit belegter Stimme. „Es ist ein Mädchen!“
„Halt es tiefer!!! Ich will es auch sehen!“ hauchte Marlene.
Cloud ging auf die Knie und schlug vorsichtig das Laken von dem Kind in seinem Arm zurück.
Ein gemeinschaftliches „Oooohh!“ ertönte, gefolgt von ausrufen wie: „Wie niedlich!“ „Darf ich es mal halten?“ „Das süßeste Kind, das ich je gesehen habe..!“
Cloud lächelte, noch immer trunken vor Glück, und reichte seine neugeborene Tochter an Barret weiter. „Wartet einen Moment!“ Und er sprang die Stufen nach oben, nur um wenige Minuten später mit Tifa im Arm zu den anderen zurückzukehren. Er führte seine Liebste vorsichtig zu den Sitzkissen und half ihr, sich darauf zu legen, während er Barret das Kind wieder abnahm und es der Mutter in die Arme legte.
„Ein Bild für die Götter, nicht wahr?“ wisperte Shera leise, als sie die junge Familie betrachtete. Cid nickte.
Nanaki schlich nun vorsichtig näher und strich mit seiner Zunge leicht über die Wange des Kindes.
Tifa lachte. „Stimmt, da soll sie sich gleich dran gewöhnen!“
„Und, wie soll es nun heißen?“ fragte Reeve.
Cloud und Tifa sahen sich an und während er ihr eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht strich, antwortete sie: „Aeris…. Damit wir ab diesem Jahr immer alle gemeinsam Weihnachten feiern können. Damit von jetzt an nie wieder ein Name in unseren Reihen fehlt.“


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