Engel
23. Juni 2004, 13:18 von Mi, in Geschichten mitEs ist ein kleiner Bahnhof auf dem ich mich befinde. Ich war auf einer Lesung in der kleinen Kreisbibliothek eingeladen. Mein Verleger sagte, hin und wider müsse man auch kleinere Dörfer aufsuchen. Nun ja. Die Pension in der ich geschlafen habe, war wenig gemütlich. Doch sie hatten ein gutes Frühstück. Ich nehme es meinem Agenten nicht übel, mich in die Pampa geschickt zu haben. Sie wissen schon. Es sind nicht immer genug Rosinen im Kuchen.
Erstaunlich viele Menschen drängen sich in das kleine Bahnhofscafe. Mein Zug hat Verspätung und draußen regnet es in Strömen. Ich stelle den Kragen meines Trenchcoats auf. Der nasskalte Luftzug lässt mich an eine drohende Erkältung denken.
Ich besorge mir an der Bar eine Tasse heißen Tee und begeben mich zu einem kleinen Tisch, an dem nur ein einzelner Mann in etwa meinem Alter sitzt. Er hat kein Gepäck dabei, wie mir auffällt. Er hockt wie verloren vor einer leeren Tasse Kaffee und starrt ins Nichts. Auch auf meine Frage ob ich mich setzen dürfe, nickt er nur abwesend.
“Geht es Ihnen gut?” frage ich den Mann. Wieder dieses Nicken.
“Warten sie auf jemanden?” nun sieht er mich an. Aus seinen Augen springt mir eine entgültige Verzweiflung entgegen. Ich fühle mich unbehaglich und frage mich, ob ich mich nicht doch an den Tisch mit den zwei alten Damen hätte setzen sollen.
“Nein.” antwortet er. “Ich warte auf niemanden.”
Seine Stimme klingt leise, schwach, wie der letzte Atemhauch eines Sterbenden. Und doch dringt sie laut an mein Ohr, selbst hier in diesem überfüllten Cafe, in dem sich der Lärm zu dem Brummen eines nahen Wespenschwarms zusammenbraut.
Ich lächle ihn nur stumm an. Sollte ich ihn noch einmal ansprechen?
“Glauben sie an Gott?” fragt er mich plötzlich.
überrascht sehe ich ihn an. “An Gott?” wiederhole ich. “Nun.. ich denke nein!”
Er nickt und versinkt wieder in seinen Gedanken.
“Sie?” frage ich zurück, weil mir nichts besseres einfällt.
Er lacht. Es ist ein trockenes, heiseres Lachen voller Ironie.
“Ich glaube an Engel.” sagt er stattdessen.
“An Engel? Und nicht an Gott? Das müssen Sie mir näher erklären!”
Er lässt seinen Blick durch das Cafe schweifen, verharrt kurz an einer Stelle - ich kann nicht erkennen was er so sehnsüchtig betrachtet. Eine Gruppe Jugendlicher versperrt mir die Sicht.
“Ich sage nicht, dass es sich ausschließt.” antwortet er. “Aber Gott ist es nicht wert, dass ich an ihn glaube. Er ist grausam!”
Aha, denke ich. Er ist verbittert.
“Grausam?” frage ich zurück.
“Was er den Engeln antut ist grausam!”
Ich fange an am Verstand meines Gegenübers zu zweifeln. Ich beschließe trotzdem höflich zu bleiben. Noch 30 Minuten. Dann wäre mein Zug zur Stelle. Solange würde ich auch das Gespräch mit einem Irren aushalten. Besser immerhin, als im Regen zu frieren.
“Was tut er ihnen denn Ihrer Meinung nach an?”
Er sieht mich geringschätzend an und gibt ein Schnauben von sich.
“Er bestraft sie in einer Tour. Sie können sich nicht aussuchen was sie tun! Sie werden zu Taten gezwungen. Und wie es ihnen dabei geht, danach fragt niemand!”
Ich spüre wie sich meine Augenbrauchen ungläubig nach oben ziehen.
“Haben sie je einen Engel gesehen?” frage ich ihn.
Die Traurigkeit in seinen Augen glimmt wieder empor. “Ich habe einen geliebt.”
“Geliebt?” Ich muss lernen den Spott in meiner Stimme besser zu unterdrücken.
“Was glauben Sie, wie Engel aussehen? Und was ihre Aufgabe ist?” fragt er nun mich.
Zugegeben, ich habe nie darüber nachgedacht. Wenn ich an Engel denke, dann sehe ich diese weißgekleideten, blonden und geflügelten Gestalten vor mir.
“Weiß mit Flügelchen, hm?” er schnaubt erneut und schüttelt den Kopf. Dann nickt er in die Richtung, in die er zuvor geblickt hat. Ich folge seinem Blick und sehe in einer Ecke zwei junge Frauen sitzen. Beide haben langes dunkles Haar und tragen schwarze Kleider. Ihre Haut ist hell und sie lächeln sich an, erzählen sich etwas. Ich sehe nur die Augen der größeren. Sie wirken auf mich unendlich traurig. Ein Schauer überfährt meinen Rücken. Sie unterbrechen das Gespräch und sehen zu uns herüber. Erst lächeln beide. Auch ihre Augen beginnen zu strahlen, doch da flackert etwas wie Erkennen in ihnen auf. Sie wenden sich wieder einander zu und führen ihre Unterhaltung fort. Die größere lächelt nicht mehr.
Fragend wende ich mich an meinen Gesprächspartner. “Sie meinen doch nicht ernsthaft…?”
Er nickt. “Sie war meine Freundin.” antwortet er.
Ich beginne zu verstehen. Sie hat ihn verlassen, doch sie lässt ihn nicht los. Er ist frustriert und er verehrt sie noch immer. Ich schüttle in Gedanken den Kopf.
“Und nur weil Sie sie geliebt haben, glauben Sie, dass sie ein Engel ist?” Da ist er wieder, der Spott. Ich versuche entschuldigend zu gucken.
“Ich weiß es.” sagt er schlicht.
Unglauben steht mir ins Gesicht geschrieben. Ich sehe es, da sich mein Gesicht in der glänzenden Front des Tresens widerspiegelt.
“Was glauben Sie, wie alt sie ist?” fragt er mich. Ich blicke noch einmal über die Schulter. “Vielleicht zwanzig.” schätze ich.
“Sie wird fünfunddreißig.” antwortet er.
Ich lache und erkläre ihm, dass junges Aussehen alleine kein Beweis sei.
“Fragen sie ihre Exfreunde.” sagt er.
Wie ich das machen solle, will ich wissen.
Er zuckt mit den Schultern. “Glauben Sie mir, es gibt nichts schöneres und zugleich traurigeres, als von ihr geliebt zu werden.”
Ich denke an meine Frau. “Wenn es danach geht, hat wohl jeder seinen persönlichen Engel” lächle ich ihn an und glaube wieder, ihn zu verstehen.
“Sie kommen nur zu denen, die verzweifelt sind.” erklärt er ernsthaft. Seine Stimme ist noch immer nicht mehr als ein Hauch und doch übertönt sie alles andere. Langsam beginnt er mich zu faszinieren. “Zu denen, die einsam und verlassen sind, und beglücken sie für eine gewisse Zeit. Sie geben den Verlassenen Kraft und Hoffnung. Und dann, wenn es jemanden gibt, der sie mehr braucht, werden sie weiter geschickt. Keiner fragt sie, ob sie wollen. Es ist, als werde ein Schalter in ihnen umgelegt. Sie können sich nicht wehren, nichts dagegen tun. Doch auch sie leiden!” Seine Worte klingen wie eine Beschwörung.
“Entschuldigen Sie, aber..”
Er schüttelt den Kopf. “Niemand, der je mit einer von ihnen zusammen war, hat sich wieder neu verliebt.” sagt er. Seine Augen blicken sehnsüchtig auf die junge Frau. Sie ist nie im Leben fünfunddreißig!
“Wie lange ist Ihre Trennung her?” will ich wissen.
“Gut zehn Jahre”
Ich mustere ihn. Er scheint überzeugt von dem, was er da redet. Nun. Fanatiker soll man nicht aufhalten.
Er schaut auf die Uhr und springt hastig auf. Entschuldigt sich, es sei an der Zeit, sagt er. Ich sehe ihm nach, wie er sich davon macht. An der Tür bleibt er stehen und blickt zurück. Zurück zu der Frau. Ich sehe, wie sie sich zu ihm umwendet. Und langsam, kaum erkennbar den Kopf schüttelt. Noch immer ist der Lärm des Cafes nur ein monotones Summen in meinen Ohren.
Daraufhin dreht er sich um und geht. Ich sehe wie die andere Frau der größeren über das Haar streicht und ihr etwas von der Wange wischt. Sie kennen sich. Zweifelsfrei.
Plötzlich wird es mir selbst hier drinnen zu kalt. Mein Tee ist auch nur noch lauwarm. Ich habe ihn gar nicht angerührt, stelle ich fest. Ich beschließe die restlichen 20 Minuten am Gleis zu warten. Ich hebe meine Koffer auf und mache mich auf den Weg zum Bahnsteig. Das kalte Nass erscheint mir einladender als das Cafe.
Ich freue mich auf zu Hause.
Während der Regen um mich von den Pfeilern der überdachung tropft, verdränge ich das Bild des seltsamen Mannes aus meinen Gedanken. Ich denke an mein neues Buch und wann ich wohl endlich einen Schluss dafür fände. Dann ertönt eine Durchsage. Mein Zug fällt aus, heißt es. “Personenschaden.”
Ich kehre zurück in meine Pension. In diesem Kaff fährt nur ein Zug täglich in meine Richtung.
Am nächsten Tag regnet es nicht mehr. Doch kalt ist es noch immer. Ich sehe die beiden Frauen vom Vortag am Bahnsteig wieder.
Die kleinere hält die Hand auf der Schulter der großen. Ich sehe Tränen in ihren Augen glitzern. Sie steht einfach nur da und starrt auf die Gleise.
Spätestens jetzt weiß ich, was geschehen ist.
Vorsichtig nähere ich mich den beiden.
Ich tippe der größeren auf die Schulter. Ob es ihr gut geht, will ich wissen.
Sie lächelt. Was für ein Lächeln! Was für Augen… Ich muss mir meine Frau in Gedächtnis rufen.
Sie nickt. Die zweite Frau steht mit ernstem Blick daneben.
Ich lade beide auf eine Kaffee ein. Die kleine schweigt. Die große lächelt noch immer. Doch sie lehnt schüchtern ab.
Ich wünsche einen schönen Tag und gehe auf die kleine Wartehalle zu.
“Du brauchst mich nicht.” sagt eine Stimme in meinem Kopf.
Mir wird warm und ich blicke zurück. Ich sehe niemanden. Ich wundere mich nicht.
Glauben Sie an Gott? - Nein? Ich auch nicht.
Aber ich glaube an Engel.
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