Das Buch der Träume - Prolog / Pt.1
17. November 2003, 14:24 von Mi, in Geschichten mitProlog - Schatten der Vergangenheit
Im flackernden Schein einer halb heruntergebrannten Kerze schritt Aganor rastlos in seiner Kammer auf und ab und zupfte immer wieder nervös an den verbliebenen Strähnen seines langen schütteren Haares. Seine müden Schritte erzeugten auf dem staubigen Steinboden gleichmäßig schlurfende Geräusche, die als einzige die Stille der Nacht durchbrachen. Alles um ihn herum lag in tiefem, wohlverdienten Schlaf, doch sein Geist fand heute keine Ruhe.
Immer wieder fragte er sich, wie es sein konnte, dass er etwas derart wichtiges so viele Jahre nicht bemerkt hatte? Wie blind war er gewesen? Niemand kannte die Bücher besser als er, niemand. Und was diese Geschichte anbelangte, nun, wer als die Hauptperson selbst, sollte besser darüber bescheid wissen? Wie also hatte er es übersehen können? Hatte er es nicht wahrhaben wollen? Es absichtlich überlesen, es ignoriert?
Er blieb stehen und fingerte weiter an einer widerspenstigen Locke. Er brachte es einfach nicht übers Herz sie abzuschneiden, obwohl ihn die dünnen weißen Stränge, die sein ansonsten fast gänzlich kahles Haupt umkränzten, beinahe lächerlich aussehen ließen; insbesondere, seit er vor wenigen Monden seinen Bart, nach einem wiederholten Unfall mit der Lesekerze, endgültig dem Rasiermesser geopfert hatte. Ja, er wurde alt, das war in der Tat nicht zu leugnen.
Er war alt.
Nur wenig erinnerte noch an die imposante Erscheinung, die einst das Heer der Elben auf die große Insel geführt und damit die Ausbeutung, Zerstörung oder gar Vernichtung des andovedanischen Volkes durch die Barbaren verhindert hatte. Und doch war er es gewesen, er, Aganor, der gutaussehende Retter in wallendem weißen Gewand, groß und breitschultrig, stolz und furchtlos, umschwärmt von allen Frauen, die Hoffnung eines gesamten Reiches.
Doch seither waren rund dreihundert Jahre verstrichen. Dreihundert Jahre, die seine Haut gezeichnet, sein Haar geraubt, seinen Rücken gebeugt und seine Hände hatten zittrig werden lassen. Vermutlich war es sein gutes Recht langsam alt und ungeschickt zu werden. Er hatte viel für diese Welt getan, tat es noch, und war sich der Dankbarkeit aller bewusst. Und dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - war ihm der Gedanke unerträglich, dass man posthum von ihm als dem Mann sprechen könnte, der einsam in seiner Kammer verbrannt war, weil er zu dicht neben der Tischkerze geschlafen hatte.
‘Man ist nie zu alt um eitel zu sein, selbst im Tode nicht‘ schoss es ihm durch den Kopf und er ertappte sich bei dem Versuch, andächtig über seinen Bart zu streichen, was er immer zu tun pflegte, wenn er erfreut war, über die Weisheiten, die seinem Kopf entsprangen.
‘Und je älter man wird, desto schwerer fällt es, mit alten Gewohnheiten zu brechen.‘
Er lächelte. Zumindest sein Verstand war noch so wach wie eh und je.
Wenn nicht gar wacher.
Das Lächeln erstarb.
Er entschied, beide Sätze in seinem Buch festzuhalten, blieb noch kurze Zeit stehen und erinnerte sich, worüber er sich ursprünglich den Kopf zerbrochen hatte, dann setzte er seinen ziellosen Weg durch die Kammer fort.
Immer wieder hielt er inne und trat gedankenverloren an den überladenen Schreibtisch, der neben seinem Bett, einem großen Lehnstuhl und einem hölzernen Hocker das einzige Möbelstück in dem kleinen, spärlich eingerichteten Raum bildete und blickte auf das vergilbte Pergament, das ganz oben auf dem Durcheinander lag.
War es möglich? War es möglich, dass er damals einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte, ohne es zu wissen? Hatte er sich auf einen Handel eingelassen, der Andoveda zwar für einen Moment rettete, aber für die Zukunft dem Untergang weihte? ‘Der Jugend törichte Handlung, im Alter weise vertuscht.‘ - Nein, das würde er nicht festhalten. Er wollte nichts vertuschen. Schadensbegrenzung, das war es, worauf es jetzt ankam.
Die Barrieren brachen zusammen, das spürte er genau. Sie waren indes einfach zu wenige geworden, um sie aufrechtzuerhalten. Auch in diesem Zusammenhang wartete er sehnsüchtig auf seine neuen Lehrlinge. Zwei würden kommen, zwei. Das hatte er im Traum gesehen. Er irrte nur selten und war stolz darauf. Besonders dieses Mal war Aganor sich mehr als gewiss, recht zu behalten. Zeitweise hatte es so ausgesehen, als würden drei neue Sterne leuchten, doch der eine verblasste und war bereits im Begriff vollends zu erlöschen. Was das bedeuten konnte, würde er später erforschen müssen, jetzt war nicht die Zeit dafür. Gleich zwei neue Schüler! Vielleicht wäre einer von beiden in der Lage, die überaus schwierige Kunst der Barrieren, der Schutzschilde, zu erlernen und - was durchaus nicht selbstverständlich war - sie auch auszuführen. Aber eigentlich hatte er keine Zeit, sich mit den neuen Tani intensivst auseinander zusetzen. So wie es aussah, gab es für ihn wichtigeres zu tun, als sich um eintreffende Schüler zu kümmern. Diese Aufgabe konnten andere ebenso gut ausführen wie er, wenn nicht gar besser, hatte er doch in diesen Jahren noch einen Zögling, dem noch der letzte Schliff fehlte.
Er löste seinen Blick von den engbeschriebenen Papieren und schlurfte müde zu dem kleinen Fenster am Kopfende seines Bettes. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten und es fiel ihm zusehends schwerer, mit seinen Gedanken bei der Sache zu bleiben, obwohl er sich gerade jetzt keinen weiteren Fehler leisten durfte. Vielleicht war alles, was er in der Vergangenheit vollbracht hatte ein nicht wieder gutzumachender Fehler gewesen. Ein Missstand, der einzig daraus entsprungen war, dass er sich als Retter einer Welt aufspielen wollte.
Wütend über sich selbst schüttelte Aganor sein Haupt. Er hatte sich niemals aufspielen wollen! Er hatte getan was nötig war! Und was bedeutete ein einzelnes Leben im Vergleich zu Zigtausenden? Doch war es sein Recht gewesen, darüber zu entscheiden? Wer war er, dass er einfach so den Tod eines Kindes in Kauf genommen hatte?
Wieder schalt er sich selbst. Er hatte es niemals einfach so in Kauf genommen. Nie. Er hatte geweint, stundenlang, mit sich gehadert und den beschwerlichen Weg verflucht, den er auf sich genommen hatte, nur um dann vor eine solch grausame Wahl gestellt zu werden. Oft hatte er in den Tempeln gebeichtet und den tröstenden Worten der Priester gelauscht, die ihn beruhigten, er habe das einzig richtige getan, und ihm Absolution erteilten, obwohl er ein Magier, ein in ihren Augen Ungläubiger war. Auch heute erwachte er noch oft aus den Angstträumen, die ihn seit damals verfolgten und ihn wohl Zeit seines Lebens nicht mehr verlassen würden. Es hatte zwei Wege gegeben. Der eine, auf den seine Wahl gefallen war, hatte sie damals gerettet. Was, wenn er jetzt den Tod bedeutete?
Aganor legte beide Hände auf den Sims und atmete die wohltuend kühle Luft der Nacht ein. Die Kerzenflamme in seinem Rücken erzitterte im Windhauch und leise knisternde Geräusche verrieten, dass sein Pergamentstapel durcheinanderzugeraten drohte. Das Licht des zunehmenden Mondes brach sich im dicken Glas des nach außen gelehnten Fensters und trug weiter dazu bei, dass Aganor sich wünschte, einfach wie ein normaler alter Mann in seinem Bett liegen zu dürfen, ohne sich über die Geschicke der Welt zu sorgen. Er seufzte. Dieser Wunsch würde ihm wohl sobald nicht erfüllt werden.
Der Magier schloss ergeben die Augen, hob die linke Hand und vollführte eine fließende Bewegung in der Luft, von der eine, wie aus Rauch gezeichnete, liegende Acht zurückblieb. Dann hob er auch die Rechte und drapierte beide Hände so an den Enden des Symbols, dass die Kuppen seiner Mittelfinger sich nur um einen Hauch verfehlten, spreizte die Finger, zog das Symbol weit auseinander, bis beide Handgelenke einander berührten und ein Riss in der Luft sichtbar wurde. Dorthinein flüsterte er leise Worte und wiederholte seine Gebärden abschließend in umgekehrter Reihenfolge; die seltsame öffnung war verschwunden.
Aganor atmete einmal tief durch, öffnete die Augen und trat zurück an seinen Tisch, wo er sogleich damit begann, seine Unterlagen zu ordnen und einige Blätter wie beiläufig in den weiten ärmeln seiner Kutte verschwinden zu lassen. Dann hielt er inne und stutze, als sei er von etwas aufgeschreckt worden, ging rasch auf die Tür seiner Kammer zu und öffnete sie schwungvoll.
Davor stand ein Mann in mittlerem Alter, gerade die Hand zum Anklopfen erhoben, mit unverkennbar verschlafener Miene, die sich zu einem kecken Grinsen verzog, als er zu seinem Lehrmeister aufblickte.
“Ihr könnt es nicht lassen, nicht wahr, alter Mann?” Der Ankömmling kreuzte seine zur Faust geballten Hände mit ineinander verschränkten Daumen und zu den Schultern zeigenden kleinen Fingern auf der Brust und deutete mit dem Kopf eine Verbeugung an.
“Ich weiß gar nicht, was Du meinst” tat Aganor unschuldig und erwiderte den Gruß. “Tritt ein, Mikus!” Er ging einen Schritt beiseite und schloss die Tür sorgfältig hinter seinem zerzausten Besucher, der sich auf dem kleinen Hocker neben dem Arbeitstisch niederließ und den ältesten des magischen Rates beobachtete, während er anscheinend angestrengt ein Gähnen unterdrückte.
“Was ist so dringend, dass es nicht auch noch ein wenig hätte warten können? Warum ruft Ihr mich zu so vorgerückter Stunde zu Euch?”
“Oh, ist es schon…” ein Blick auf das Stundenglas an der Wand bestätigte die Worte seines Schülers und Aganor war peinlich berührt. “Verzeih mir, junger Tan.”
Dem Mann mit dem noch immer verschlafenen Grinsen schien das zerstreute Verhalten seines Meisters durchaus bekannt, denn er winkte bloß schweigend ab, während Aganor wieder an seinen Schreibtisch trat und gezielt nach einer Pergamentrolle griff, die er umständlich entfaltete.
“Mikus,” begann er in feierlichem Tonfall, “ich weiß, dass Du die Theorie immer der praktischen Arbeit vorgezogen hast. Gerade deshalb erhoffe ich mir in diesem Falle von keinem anderen mehr Hilfe, als von Dir. Noch bist Du ein Tan, ein Schüler, aber die Zeit Deiner letzten Prüfung rückt immer näher, und daher glaube ich, kann ich es mit gutem Gewissen verantworten, Dich in dieser Angelegenheit zu Rate zu ziehen.” Der alte Mann machte eine Pause und drehte wieder gedankenverloren an einer Haarsträhne. “Vielleicht wird diese Angelegenheit gar zu Deiner letzten Prüfung.” murmelte er wie zu sich selbst, und beschloss den Vorschlag sogleich. ‘Keine Stunde ist spät genug, um nicht vortreffliche Ideen hervorzubringen.‘
Aganors wache Augen beobachteten, wie jungenhaft nervös der gut vierzig Jahre alte Mikus nun auf seinem Hocker hin und her rutschte. Er war gewiss bereit dafür, schließlich war er sein Tan.
“Du weißt, was das bedeuten würde, oder?”
“Ja.”
Eine knappe ernste Antwort, und doch mit unverhohlener Erregung in dem zuvor noch so übermüdeten Gesicht. War er selbst nicht damals genauso aufgeregt gewesen? Das erste mal seinem Meister - die Götter mochten seiner Seele gnädig sein - bei einer wirklich wichtigen Aufgabe zu helfen. Etwas tun zu können, zu dem keiner der ausgebildeten Magier fähig zu sein schien. Was war das für ein Gefühl gewesen. Dafür hätte auch er sich damals zu jeder Uhrzeit aus dem Bett holen lassen.
“Bist Du bereit dafür? Ich meine, wirklich bereit?”
“Ja, Meister Aganor.”
“Es ist Dir bewusst, dass Du mit niemandem, als den von mir benannten Personen über diese Angelegenheit sprechen darfst? Dass Du keine Hilfe zu Rate ziehen darfst, die Du nicht vorher mit mir besprochen hast? Dass Du persönlich für jegliches durch Dich verschuldete Fehlschlagen zur Verantwortung gezogen werden kannst, auch wenn andere, vielleicht sogar ich selbst, Deinen Fehler bis zuletzt als richtig erachtet haben?”
Letzte Regel war nie angewendet worden, solange Aganor sich zurückerinnern konnte. Wenn mehrere dem gleichen Irrtum zum Opfer fielen, konnte unmöglich einer allein dafür gerade stehen, darin war sich der magische Rat einig. Und doch wurde diese Regel seit Jahrhunderten immer mit aufgezählt. ‘Traditionen sind nicht immer sinnvoll, auf den ersten Blick. Dennoch sind sie es wert, nicht vergessen zu werden, denn allein ihr Vorhandensein ist niemals grundlos. Vielleicht wird man eines Tages auf sie zurückgreifen müssen.‘ Er setzte den Satz in Gedanken mit auf seine Liste.
“Ja, Meister Aganor.”
“Dann bleibt mir für den Moment nur eines, was nicht halb so aufregend ist, wie Du vielleicht im ersten Augenblick glaubst.” Er griff in eine der zahlreichen Taschen seiner Kutte und überreichte seinem Schüler einen glänzend goldenen Schlüssel, wie er selbst einen an einer dicken silbernen Kette um den Hals trug.
Mikus nahm ihn ehrfurchtsvoll entgegen, schloss ihn in seine Faust und dankte mit dem Gruß der Zauberer, wobei sein Kinn länger auf der Brust ruhte, als Aganor es je zuvor bei ihm gesehen hatte.
“Es ist der Schlüssel für unsere Bibliothek,” erklärte Aganor überflüssigerweise. “Von nun an bist Du berechtigt sie allein, ohne mich oder einen der anderen Meister, aufzusuchen und zu lesen, was immer Dir beliebt. Und Du weiß, was geschieht, wenn Du ihn verlierst, oder?”
“Ja, Meister Aganor!” Mikus´ Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung. Er wünschte sich diesen Schlüssel weit mehr als alles andere, was ihm der Rang als ausgebildeter Magier bescheren konnte. Und die Tatsache, dass er zu den ältesten unter den Schülern zählte und oft neiderfüllt mitangesehen hatte, wie weitaus jüngere als er, unbehelligt in den heiligen Hallen ein und ausspazierten, hatte dieses Gefühl noch weiter geschürt. Aganor war sich dessen wohl bewusst und es tat ihm gut, den zwar geistig sehr aufgeweckten, in Gesellschaft anderer meist aber stillen Mikus derart glücklich machen zu können.
“Ich bin sicher, Du wirst mich nicht enttäuschen!” Aganor lächelte breit und die tiefen Falten um seine Augen zogen sich bis auf die Wangenknochen hinab.
“Nein, Meister Aganor, gewiss nicht! Und nun lasst mich erfahren, wobei Ihr meine Hilfe braucht, was so wichtig ist, dass Ihr es zu meiner Prüfung machen wollt. Ich werde alle Regeln einhalten, das wisst Ihr, ich…”
“Wüsste ich nicht, dass Du sie einhalten wirst, würde ich Dich nicht mit einer solchen Aufgabe betrauen! Und jetzt hör bitte auf mit diesem ‘Meister Aganor’. Der offizielle Teil ist vorüber und ich wünsche mir meinen aufmerksamen Tan zurück, der vor lauter Begeisterung sämtlichen Respekt vergisst!”
“In Ordnung, alter Mann!” Mikus schien erleichtert. “Also, um was geht es?”
Tags: Geschichten, Bücher, Fantasy, Kreativ, Roman, Schreiberei, Träume
Am 20. April 2008 um 10:31 Uhr
[…] Das Buch der Trume - Prolog / Pt.1 Mein “Roman” - bzw., das soll es mal werden. Die Geschichte entstand vor Ewigkeiten, als ich noch zur Schule ging, und da sie sich im Laufe der Zeit natürlich verndert hat, kann ich leider davon nicht allzuviel “zeigen”, da ich erst einiges umarbeiten muss, ehe es weitergeführt werden kann. Es ist eine reine Fantasy-Geschichte, in der mein gesamtes Herzblut steckt. Das Buch der Trume - Prolog / Pt.2 Das Buch der Trume - Kap.1 / Pt.1 Das Buch der Trume - Kap.1 / Pt.2 […]