Das Buch der Träume - Kap.1 / Pt.1

30. März 2004, 14:30 von Mi, in Geschichten mit

Kapitel I - Unheilvolle Träume

“Elbenkind!” säuselte die Stimme sanft und verlockend. Unmöglich, dem Sprecher Geschlecht oder gar Alter zuzuordnen. Zeitlos und körperlos, sanft und zugleich fordernd zerrte die Stimme an ihrem Geist, riss sie immer tiefer in ihren Traum hinab und schlug sie in ihren Bann. Ein Entkommen war aussichtslos, selbst wenn sie es gewollt hätte.
“Elbenkind!” hallte es in ihren Gedanken. Rau und ein wenig heiser, doch ohne abstoßend oder aufdringlich zu wirken, erschlich sich die Stimme Vertrauen, unendliches Vertrauen. Sie gäbe ihr Leben um diesem Ruf folgen zu können, ihn nie wieder verstummen zu lassen, wenngleich er nicht für sie bestimmt war; nicht an sie gerichtet sein konnte.

“Elbenkind!”
Jetzt sah sie die Gestalt, von der die Worte zu kommen schienen. Sie schwebte hinab in einen Strudel aus grauem Rauch und wirbelnden Schatten, auf dessen Grund sich der menschliche Umriss abzeichnete, den sie dem Sprecher zuordnete. Doch wirklich zu erkennen war nichts. Nichts als ein schwarzer Schemen, der einfach dastand und wartete.
“Elbenkind! Ich kann Dich nicht sehen! Ich kann Dich nicht finden! Wo bist Du, Elbenkind?”
Ihr Mund öffnete sich, doch kein Laut drang heraus, so sehr sie auch bemüht war zu antworten, sooft sie versuchte, der Gestalt klar zumachen, dass zumindest sie da war, dass sie die Worte weiterleiten würde.
Das sanfte, lockende Rufen verwandelte sich in ein sehnsüchtiges Flehen von abgrundtiefer Traurigkeit. “Elbenkind! Wo bist Du nur? Wir haben in der Vergangenheit Unverzeihliches getan! Bitte, Elbenkind, vergib uns! Gib uns die Möglichkeit, es wieder zu richten! Verstecke Dich nicht länger! Höre uns an, Elbenkind, wir sind Dein Volk!”
Sie befand sich nun direkt vor der Gestalt, doch noch immer war diese nicht mehr als ein Umriss, ein schmaler unbeweglicher Schatten inmitten der unendlichen Düsternis aus ruhelosem Dunst und sie war überzeugt, durch ihn hindurchzugreifen, sollte sie die Hand nach ihm ausstrecken, um den Trost zu spenden, den eigentlich ihre stummen Bekenntnisse liefern sollten.
Ein Seufzer erklang, langgezogen und voller Verzweiflung. “Oh, Elbenkind… was haben wir getan…” Eine Pause folgte, dann veränderte sich die Stimme, wurde lauter und verfiel in einen entschlossenen Ton, der aber nicht über Trauer und Resignation hinwegzutäuschen vermochte. “Hiermit bezahle ich meinen Anteil der Schuld.”
Der Schemen machte eine ruckartige Bewegung, und war im nächsten Augenblick verschwunden. Zurück blieb nichts als die wirbelnden Rauchschwaden und undurchdringliche Stille. Dann zerriss urplötzlich das unsichtbare Band, das sie und die Gestalt verbunden hatte und mit einem Male wurde sie zurückgestoßen, zurück in kühle Finsternis, in der kein Platz mehr war für das Gefühl der Geborgenheit, Sicherheit und die Sehnsucht, der suchenden Gestalt zu helfen.

Erin erwachte mit einem Keuchen und blieb so lange reglos liegen, bis sie den weichen Untergrund, in den sich ihre Finger krallten, als die eigene Matratze identifizierte. Und im selben Moment, in dem die Erkenntnis, wieder einmal bloß schlecht geträumt zu haben über sie hereinbrach, drang bereits die wohlbekannte übelkeit und das dröhnenden Pochen hinter ihren Schläfen in ihr Bewusstsein. Sie stöhnte und hob eine Hand an die Stirn, versuchte die Augen zu öffnen. Doch als ihre Lider flackerten und das grelle Licht der Sonne unaufhaltsam und schmerzend in ihre Pupillen drang, schloss sie sie sogleich wieder.
Vorsichtig setzte sie sich auf, barg ihr Gesicht in Händen und konzentrierte sich darauf, gleichmäßig ein und aus zu atmen, um sich nicht übergeben zu müssen, was nach diesen für sie unverständlichen Träumen leider häufig geschah.
Als das Schwindelgefühl langsam abklang schlug sie endgültig die Augen auf und starrte gedankenverloren auf das weiße Leinentuch, das ihr als Bettdecke diente. Strähnen ihres langen kastanienbraunen Haares, die über ihre Schultern nach vorne gefallen waren zeichneten sich darauf zu kontrastreichen Mustern ab, die Erin wieder an die Nebel in dem Traum erinnerten.
Was hatte das alles zu bedeuten? Soweit sie zurückdenken konnte, neigte sie seit jeher zu lebhaftem Träumen, doch niemals waren die Bilder, die sie des Nachts heimsuchten so intensiv, so real und gleichzeitig so bedrohlich gewesen, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Nicht zum ersten Mal sagte sie sich, dass sie etwas dagegen unternehmen musste, denn Kopfschmerz und übelkeit waren nicht die einzigen Nebenwirkungen, die damit einhergingen, und bei weitem nicht die schlimmsten.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren überlegungen.
“Erin! Deine Schwester wartet!” rief eine bekannte Stimme. “Wo bleibst Du?”
“Mist!” fluchte die Angesprochene und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Das war schneller gewesen als ihr gut tat, denn sofort meldete sich das Schwindelgefühl zurück, sie taumelte und riss bei dem Versuch, sich an ihrer Kommode festzuhalten einen kleinen Spiegel herunter, der genau die freie Stelle zwischen zwei Teppichen traf und auf den Holzdielen zerbrach.
“Verflucht!” Erin, die ebenfalls auf den Boden gesunken war keuchte, als sie mit schmerzverzogenem Gesicht eine Scherbe aus ihrem Knie zog.
Die Tür in ihrem Rücken öffnete sich. “Du sollst doch nicht fluchen!”
Erin grinste schief und drehte sich zu der jungen blonden Frau um, die eingetreten war. “Mir bleibt heute anscheinend nichts erspart, da darf ich auch fluchen. Und tu nicht so, als wärst Du meine Mutter!”
Amelia hob abwehrend die Hände. “Das wollte ich doch gar nicht, aber Valrie…”
“Schon gut, schon gut.” beschwichtigte Erin ihre Freundin. “Kannst Du mir bitte ein Tuch geben, ich muss das Blut wegwischen.”
“Das kann ich doch…”
Erins Stirn legte sich bedrohlich in Falten. “Nein, kannst Du nicht!” schimpfte sie. “Ich muss nicht von vorne bis hinten bedient werden! Wann verstehst Du endlich, dass ich mir sogar schon allein die Stiefel anziehen kann.” - “Tut mir leid!” setzte sie sofort nach, als sie die blasser werdenden Wangen und die erschrocken geweiteten, blauen Augen Amelias erkannte. Es war nicht immer leicht mit Amelia als Freundin. Die rundliche Blonde war als Kind zu einer der Köchinnen der Burg, Erins Heimat, gekommen, die sich nach dem Tod ihrer Eltern um sie kümmerte. Damit gehörte auch Amelia zur Dienerschaft, während Erin eines der vier Kinder der Fürstenfamilie von Anwynn war.
“Und jetzt wirf mir einfach das Tuch dort rüber!” sie deutete auf einen Stofffetzen, der über der Armlehne eines kleinen Sessels hing. “Danke!”
Noch immer am Boden hockend begann Erin die Spiegelscherben aufzuheben und das Blut vom Holz zu wischen. Dann tupfte sie mit einer sauberen Stelle des Lappens kurz über ihr Knie und stand dann zögerlich auf. Die Scherben legte sie achtlos auf die Kommode.
“Was ist eigentlich passiert?” wollte Amelia wissen.
“Nichts, ich bin gestolpert und hab dabei den Spiegel…”
“Du hast einen Spiegel zerbrochen??” Amelias Brauen hoben sich erschrocken. “Du weißt, was das bedeutet, oder?”
Erins Stirn bekam also keine Gelegenheit sich zu glätten. “Amelia, wenn es danach ginge, hätte ich vor Wochen einen Berg Spiegel zerbrechen müssen, um zu rechfertigen, was in letzter Zeit alles passiert ist! Glaub doch nicht an so etwas!”
Sie öffnete die oberste Schublade ihrer Kommode und zerrte wahllos einige Kleidungsstücke heraus.
Amelia trat zu ihr, wischte mit dem schmutzigen Tuch die Scherben von der Kommode und verstaute beides in den Taschen ihrer Schürze.
Erin rollte nur mit den Augen. Amelia war einfach unverbesserlich.
“Dann sage ich Valrie, dass Du unterwegs bist, ja?”
Erin nickte. “Ich beeil mich!”
Doch kaum hatte Amelia die Tür hinter sich geschlossen, ließ Erin sich wieder auf das Bett sinken. Es hatte einige Anstrengungen gekostet, sich halbwegs normal zu verhalten. Ihr war noch immer übel und ihre Beine wollten sie heute anscheinend nicht tragen. Sie starrte ins Sonnenlicht, welches durch die schweren geöffneten Brokatvorhänge direkt auf ihr Bett strahlte und sah erst weg, als kleine Lichtpunkte in ihrem Blickfeld auf und ab zu tanzen begannen. Aber da frische Luft ja bekanntermaßen Wunder bewirken konnte und eine ungeduldige Valrie das letzte war, was Erin an diesem Tag gebrauchen konnte, erhob sie sich - langsamer als zuvor - schritt auf wackligen Knien zum Fenster und riss die beiden Fensterflügel auf.
Leises Stimmengewirr klang vom Hof herauf und Pferdegewieher drang aus den Stallungen. Der laue Sommerwind vertrieb ihre dunklen Gedanken, streichelte ihr sanft über das Gesicht und wehte den vertrauten Duft von Wald und Wiese herüber. Gierig sog Erin die Luft ein und blickte sehnsüchtig über die Felder, die sich hinter dem, die Burg umgebenden, Forst bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schienen.
Anwynn war ein durchweg grünes Land. Hier gab es Wald und Wiesen in Hülle und Fülle, selten unterbrochen von kleineren Ansiedlungen der Menschen. Größere Städte als das Dörfchen Calisann, welches sich an den Fuß des Berges schmiegte, auf dessen Gipfel die Burg des Fürsten thronte, gab es hier nicht. Anwynn war kein großes Land und deckte doch die gesamte Westküste der großen Insel Andoveda ab. Allerdings fand man am Meer keine Strände, wie in dem im Süden angrenzenden Fürstentum Sonnydd. Anwynns Küste war rau und mit gefährlichen Klippen umgeben, was sich allerdings schon oft als Vorteil erwiesen hatte: Eindringlingen machte es dieses Land nicht leicht, vom Meer aus erobert zu werden. Und obwohl das kleine Fürstentum sehr fruchtbaren Boden bot, zeigte kaum einer großes Interesse an dieser Gegend, deren Charakter auch auf die Menschen die dort lebten abgefärbt hatte. Die Bevölkerung bestand überwiegend aus Bauern, einfachen Menschen, die kleine Dinge schätzen gelernt hatten, und doch waren sie eben wegen Anwynns Fruchtbarkeit nicht arm, sondern verdienten gut an den Einkünften, die ihre landwirtschaftlichen Erträge in den anderen Ländern Andovedas erzielten.
Natürlich gab es hin und wieder kleinere Streitereien zwischen den Bewohnern, doch solange Erin zurückdenken konnte, erinnerte sie sich nicht, dass Ihr Vater, Fürst Valon, je ernsthaft in interne Belange Anwynns hatte eingreifen müssen. Land und Boden gab es für alle genug und obwohl gerade das im Osten angrenzende Narokon eben davon nur wenig zu bieten hatte, dort in den Bergen aber Metalle und Erz für Reichtum sorgten, fand zwischen den Ländern ein reger Austausch statt und niemandem mangelte es an Grundlegendem oder musste seinem Nachbarn dessen Besitz neiden.
Erin lächelte. Ja, sie hatte es wahrlich gut. Sie lebte in einer friedvollen Zeit, hatte jeglichen Freiraum, den sie sich nur wünschen konnte und da ihr Vater gerne lächelnd über ihre Wildheit, wie ihre Mutter es zu nennen pflegte, hinweg sah und sie regelmäßig in Schutz nahm, führte sie wirklich ein sehr unbeschwertes Leben.
“Eriiiin!” Eine schrille Stimme erhob sich vom Hof.
Schuldbewusst grinste sie hinunter zu Valrie, die in kompletter Reitmontur und mit vorwurfsvoller Miene auf dem Hof stand und zu ihr hinauf blickte.
Erin seufzte innerlich, winkte und rief: “Ich komme ja schon!”
Ein wenig wehmütig schloss sie das Fenster. Dieser Tag lud zu einem gemütlichen Ausritt ein und war viel zu schade, ihn an Valrie zu verschwenden. Doch was bleib ihr anderes übrig. Sie zog ihr Nachthemd aus und schlüpfte in die Kleidung, die sie zuvor achtlos neben das Bett geworfen hatte, dann verließ sie ihr Zimmer.
Auf dem Weg nach unten schaute sie kurz in der Küche vorbei, um sich zumindest eine Scheibe Brot zu holen. Das Frühstück hatte sie wiedereinmal verpasst, ihr Magen verlangte aber dennoch nach etwas Essbarem. Constanze, Amelias Ziehmutter, drückte ihr zusätzlich ein großes Käsestück in die Hand und zwinkerte ihr zu.
“Du bist ein Schatz, Constanze” kaute Erin mit vollen Backen, was ihr wiederum einen tadelnden Blick einbrachte, vor dem sie schleunigst nach Draußen flüchtete - Constanzes Standpauken über Manieren waren bei allen gefürchtet.
Erin rannte die Stufen des Haupthauses hinunter, öffnete das große Eingangsportal, warf dem jungen Wächter Daafyd einen Morgengruß zu und lief zu den Stallungen hinüber, wo ihre älteste Schwester schon ungeduldig mit in die Hüften gestemmten Händen wartete.
“Entschuldigt meine Verspätung, Hoheit,” flötete Erin gutgelaunt. Die frische Luft und das kleine Frühstück hatten die Nachwirkungen der Nacht vertrieben.
Valrie rümpfte die Nase. “Lass diesen Blödsinn, wir haben schon genug Zeit vergeudet. Weißt Du wie lange ich hier bereits warte? Jetzt bring mir endlich bei, was ich zu beachten habe, wenn ich auf dem Weg zu meiner Trauung nicht vom Pferd fallen will!”
Erin ignorierte den befehlenden Tonfall. “Ja ja, ich muss nur eben Schneewind…”
“Dein Pferd ist fertig. Ich habe Landor beauftragt, die Tiere zu satteln, damit…”
Erins Augen blitzen, als sie wütend herumfuhr. “Du weiß, dass ich das lieber allein mache! Tu nicht so, als würde dich diese Stunde Verspätung um Deinen Lebensinhalt bringen!”
Damit wandte sie sich ab und stapfte in den Stall, bemüht, die Antworten der Schwester zu überhören. Erin fragte sich nicht zum ersten Mal, warum sie überhaupt eingewilligt hatte, Valrie zu helfen.
“Weil sie Deine Schwester ist…” zitierte sie ihren Vater im Geiste. Ja, Valrie war ihre Schwester. Auch wenn Geschwister wohl kaum verschiedener sein konnten, als sie beide es waren. Zwar besaßen alle vier Kinder Valons völlig unterschiedliche Wesenszüge, doch zumindest glichen sich die drei anderen optisch, waren dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und damit klar als Geschwister zu identifizieren. Wäre Ensa nicht Erins Zwillingsschwester und wäre da nicht der tiefe innere Bezug, den sie zu ihrem Vater hatte, dann würde sicher manch einer, nicht nur Erin selbst, daran zweifeln, dass sie tatsächlich zur Familie gehörte.

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